Auf dem Honda-Moped durch Südvietnam

Unterwegs im Mekong-Delta, Vietnam

Bootstour im Mekong-Delta, Vietnam 2011 © emmenreiter.de

Oktober 2011. Drei Wochen Vietnam – Südvietnam. Im Rückblick heißt das unzählige junge Menschen unterwegs auf noch mehr Motorrädern, täglich frisches Rindfleisch mit einem Bündel Kräuter in der Reisnudelsuppe und Reiseabenteuer-Garantie. Denn Südvietnam hat alles: Saigon als brummende Großstadt, abwechslungsreiche Fahrten auf kleinen Landstraßen über Brücken im Mekong-Delta und Tiefenentspannung auf der Trauminsel Phu Quoc. Dort ist ein internationaler Flughafen geplant und die Offroadwege durch den Dschungel werden gerade zu dreispurigen Straßen ausgebaut. Südvietnam ist mehr als eine Reise wert – je eher, desto besser.

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Ho-Chi-Minh-Stadt (Saigon): Es riecht nach Asien

Saigon ist das erste, was wir sehen, als der Turkish-Airline-Flieger am 8. Oktober 2011 endlich landet am Tan-Son-Nhat Flughafen, sieben Kilometer vom Zentrum entfernt. Es ist unheimlich schwül, obwohl die Sonne schon untergegangen ist. Angezogen in Motorradjacken und Wanderschuhen steigen wir ins Taxi. Wir haben gerade einen heftigen Regenschauer verpasst – es sind die letzten Tage der Regenzeit.
Aus dem Autofenster guckend fahren wir durch die breiten, ordentlich gebauten Hauptstraßen Saigons. Je mehr sich das Taxi dem Backpackerviertel Pham Ngu Lao nähert, desto dichter werden wir von roten Rücklichtern etlicher Mopeds umringt. Jetzt geht auch das Gehupe und Gedränge los.
In Pham Ngu Lao angekommen schleppen wir unsere Rucksäcke durch eine enge, bunte Gasse bis zu einem der unzähligen, günstigen Minihotels. Auf dem Weg beobachten wir die Einheimischen vor und in ihren offenen, winzigen Häusern. Sie liegen ungestört auf dem glänzenden Fliesenboden und gucken auf die Seifenoper im Flachbild-TV oder essen mit der Familie gerade Nudelsuppe. Es duftet herrlich nach Asien.
Als ich am nächsten Tag im schönen Gebäude der Hauptpost sitze, während Micha die Architektur und das Treiben der Postangestellten fotografiert, spricht mich eine junge Studentin an: “I want to improve my English,” sagt Mai Nguyet vorsichtig. Und so reden wir eben eine Weile und tauschen uns in unserer Fremdheit aus. Dann bringt sie mir die fünf wichtigsten Vokabeln Vietnamesisch bei. Zum Abschied legt mir Mai wie eine gute Fee selbstgebastelte kleine Glückssterne in die Hand. Ich deute das als gutes Omen.
Wir laufen in der Vormittagssonne weiter durch die Straßen Saigons – sie sind aufgeräumt, werden jeden Tag von Putzkolonnen gefegt. An freien Flächen hängen große, bunte Plakate einer fröhlichen Arbeiterklasse.
Es ist Zeit für Pho Bo – die große Schale würziger Brühe mit frischem Rindfleisch, dicken Reisnudeln, Sprossen, einem ganzen Bündel saftiger Kräuter und so viel roten Chillischeibchen, wie man verträgt. Das Nationalgericht der Vietnamesen wird überall – morgens ab fünf, mittags ab elf und nochmal abends – frisch zubereitet. Wir können uns nicht satt essen daran.
Mit Suppe im Bauch besuchen wir den berühmten Wiedervereinigungspalast. In dessen Räumlichkeiten residierte und arbeitete einst der südvietnamesische Präsident – solange, bis die kommunistischen Panzer die Hoftore durchbrachen. Nichts wurde seitdem verändert. Im ganzen Gebäude sind die Uhren am 30. April 1975 stehen geblieben. Trotz erschütternder Geschichten, die um den Wiedervereinigungspalast kreisen, wirkt die Architektur spannend und angenehm. Uns erinnert das stark an den Palast der Republik in Ostberlin.

Zurück aufs Motorrad in Asien

Über zwei Jahre ist es her, dass wir auf eigenen Motorrädern durch Asien gereist sind. Plötzlich fühlen wir uns zurückversetzt ins Emmenreiter-Abenteuer, nur ohne Emmen. Deutschland ist jetzt wieder so weit weg, geografisch wie gedanklich. Diese drei Wochen Vietnam werden uns vorkommen wie zwei Monate, so intensiv genießen wir alles und jeden Moment.

Auf der Landstraße in Südvietnam

Auf der Landstraße in Südvietnam © emmenreiter.de

Wir mieten in einem winzigen Reisebüro um die Ecke unserer Unterkunft in Pham Ngu Lao zwei kleine Honda-Motorräder, wie sie von zigtausend Einheimischen gefahren werden. Wir kaufen für 20 USD zwei halbwegs ordentliche Helme mit Regenvisier, binden den Rucksack auf die Sitzbank, fahren eine Runde durch den Kreisverkehr am Bến Thành Markt und dann stadtauswärts Richtung Westen. In Saigon bewegen sich die Massen an Motorradfahrern wie Bienenschwärme durch die Straßen. Und wir sind auf einmal mittendrin.

Motorräder leihen
In Pham Ngu Lao geht das wirklich einfach und billig – ca. 3 Euro pro Tag für eine Honda Wave 110 (Halbautomatik). Mindestens einen Reisepass wollen die Verleiher behalten. In den Hotels konnte man später überall problemlos mit einer Passkopie einchecken. Wer einen sicheren Helm will, muss einen mitbringen. “Va Ep”-Schilder am Straßenrand weisen auf die Möglichkeit hin, dass man dort schnell einen platten Reifen wechseln lassen kann. Die Mopeds können auf der Phu Quoc-Fähre mitgenommen werden, wenn man frühzeitig am Hafen ist.

Von Tan Thach bis in die Khmer-Stadt Trà Vinh

Mein Gesicht unterm Helm ist angeschwollen von der Hitze und kühlt sich langsam ab, als wir auf der A1 in Richtung My Tho fahren. Die Motorräder brummen locker mit 75 km/h über die volle Autobahn. Nirgends können wir ein Schild entdecken, das uns sagt, wann wir abzweigen sollen. Wenn wir Leute nach My Tho fragen, versteht uns keiner. Dabei gebe ich mir große Mühe und variiere mehrmals die Betonungen.
Irgendwann stimmt die Richtung und wir fahren bei My Tho über einen großen Seitenarm des Mekongs. Nach der Regenzeit sind die Segmente im Wasser aufgewühlt und sorgen für eine Milchkaffeefärbung. Eine Landstraße führt uns ins Dorf Tan Thach. Wir sind gerade die einzigen Gäste im ruhigen Garten des Thao Nhi Gasthauses. Zum Abendessen gibt es Elefantenohrfisch und am nächsten Nachmittag rudern wir, als der Regen aufgehört hat, durch die stillen Flusskanäle.
Ein Vorteil des Motorrads ist, dass man auch abgelegene Orte wie Trà Vinh gut erreicht. Die Straße dorthin führt durch üppiges Grün. Dazwischen leuchten gelbe, türkise oder blaue Bauernhäuser. Auf kleinen Holzbrücken überqueren wir etliche Sümpfe und Nebenflüsse.
In Trà Vinh begegnet uns tagelang kein einziger Tourist. Wir schlendern durch die Straßen und holen uns von den Einwohnern ein Lächeln ab – von den aufgeregten Mädchen auf dem Schulhof, von der Kuchenverkäuferin und der Familie am Suppenstand. An den Khmer-Stätten etwas außerhalb der Stadt sitzen wir in der alten Ang-Pagode auf dem kühlen Boden vor Buddha und beobachten draußen die exotischen Gesichter der jungen Mönche in ihren knallorangen Roben.

Mangoboote und Hochwasser in Can Tho

Als wir in Can Tho sind, überschwemmt der Mekong derzeit alle sechs Stunden das Zentrum der Stadt. Dann stehen die Straßen knietief unter trübem Wasser, das von manchen Motorradvergasern geschluckt wird. Den Leuten hier macht das alles überhaupt nichts aus.
Morgens um 4:45 Uhr holt uns eine fröhliche Miss Ho in der Unterkunft ab. Es geht zu den schwimmenden Märkten bei Phong Dien. Die schwüle Luft der Nacht hat sich gerade etwas abgekühlt und am Ufer wartet bereits Miss Ho`s Freundin Ha in ihrem schmalen Holzboot, in dem wir noch im Dunkeln losschippern. Als kurz darauf die Sonne aufgeht, sind wir immer noch müde, aber sehr glücklich und zufrieden über den Augenblick.
Das Markttreiben auf dem Mekong findet nur früh morgens statt. Junge Ehepaare und ältere Frauen verkaufen auf ihren teils gepachteten Booten Mangos, Ananasfrüchte, Süßkartoffeln oder Federvieh an die Boote der Markthändler. Gegen sieben Uhr ist der Handel bereits zuende und die Bauern fahren bis zum nächsten Morgen in ihre Dörfer zurück.
Miss Ha spricht relativ gut Englisch und hat ein gutes Gespür dafür, was uns interessiert. Sie hat immer eine Antwort parat. Wir machen einen kleinen Abstecher ans Ufer, um dabei zu sein, wenn Reisnudeln hergestellt werden. Die beiden Frauen strahlen so viel Kraft und Lebensfreude aus und haben einen wunderbaren Humor. “Was sollen wir mit einem vietnamesischen Mann?! Die liegen doch den ganzen Tag nur in der Hängematte!” lacht Ha. Als die Hitze des Tages zurückkommt, trennen sich wieder unsere unterschiedlichen Wege.

Inselparadiesisch

Wir steigen in Rach Gia auf die Fähre Super Dong II, die uns zur Insel Phú Quốc im Golf von Thailand fährt. Die Motorräder hatten leider keinen Platz mehr und müssen am Hafen zurückbleiben. Als das Boot anlandet, halten wir Ausschau nach einem Typen, der uns ein Moped leiht. Wir lassen uns ein altes Ding für zu viel Geld andrehen, aber das war das einzige Angebot. Unglaublicherweise will keiner der Passierge nach Bai Sao an die Südspitze der Insel weiterfahren, obwohl der Strand dort abgelegen, weiß und unberührt sein soll. Es gäbe dort nur eine einzige Unterkunft – das My Lan mit einfachen Hütten am Strand. Das klingt doch wunderbar.
Wir versuchen irgendwie, mit beiden Rucksäcken auf dem Moped Platz zu nehmen. Der Reifen hinten drückt sich in den Sand. Schweiß bricht aus. Wir quälen das klapprige Zweirad 25 Kilometer über die holprige Straße nach Süden – ein Bild für die Götter. Da müssen sogar die Vietnamesen lachen. Dieser Höllenritt wird sich schon lohnen, denken wir. Umso größer ist die Enttäuschung, als wir ein kleines, überteuertes Ressort vorfinden, in dem wir uns vom ersten Augenblick fehl am Platz fühlen. Das My Lan liegt nebenan und ist gerade eine Baustelle, der Strand links und rechts des neuen Ressorts ist überschwemmt mit Müll. Wir fahren nach nur einer Nacht zum Long Beach im mittleren Westen der Insel weiter und landen dort durch Zufall an einem wunderbaren Plätzchen.
Eine Woche genießen wir das Paradies auf Erden – mit Bungalow und langen Massagen am Strand, bestem Essen, glasklarem Meereswasser und Ausflügen durch den Inseldschungel und kleine Fischerdörfer. Parallel der Sandwege ist eine breite Straße im Bau, denn bald wird ein internationaler Flughafen Tourismus im großen Stil ermöglichen. Leider müssen wir wieder aufs Festland und über Can Tho zurück nach Saigon, wo wir wohlbehalten und braun gebrannt ankommen. Der Mopedverleiher freut sich über unsere Helme, die er behalten darf. Jetzt genießen wir noch die letzten Momente Südvietnams – die letzte Pho, den letzten aromatischen Eiskaffee auf Miniplastikhockern am Straßenrand und eine letzte schwüle Nacht. Cảm ơn und tạm biệt – danke und bis bald, Vietnam.

Ein Gedanke zu “Auf dem Honda-Moped durch Südvietnam

  1. Hallo Weltenbummler,
    habe nach längerer Zeit mal wieder einen Blick auf Eure Seite geworfen. Schöner Bericht ! Kommt der über KUBA auch noch ??
    Viel wichtiger ist die Frage, wann und wo Ihr in Berlin oder Umgebung mal wieder einen Dia Vortrag haltet. Wäre schön Euch LIVE zu hören und zu sehen.
    Gruß Jörg

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