Ukraine: Strastwuitje, Röckchen und Kompott

Ukraine

Willkommen in der Ukraine © emmenreiter.de

Liebe Ukraine!

Strastwuitje, liebe Ukraine! Du hast es geschafft, die letzten Tage unserer Reise tatsächlich zu versüßen. Und das nicht nur mit deinem erfischenden Erdbeerkompott.
Als wir am 30. Juni vom rumänischen Donaudelta kommend das Eingangsschild der ukrainischen Kleinstadt Ismail passieren, wollen wir nur kurz tanken und dann irgendwo an einem der Seen in der Nähe unser Zelt aufschlagen. Wir sind ganz schön geschlaucht und die große Werbetafel des VIP Hotels ist auf einmal sehr verlockend. „Lass uns wenigstens mal gucken!” Und schon sind wir drin. Die Chefin des kleinen Hauses empfängt uns wie eine Mama: „Trinkt erst mal einen Kaffee, poschalsta!” Sie spricht Ukrainisch oder Russisch – irgendwas können wir immer raushören und verstehen. Mit jedem Wort Russisch, das wir antworten, ernten wir ein Strahlen auf ihrem Gesicht. Die Zimmer des gemütlichen Hotels sind die modernsten und gleichzeitig häuslichsten auf der ganzen Reise. Dafür knappen wir gerne dreißig Euro von dem noch übrig gebliebenen Geld ab. Zum Abendbrot im Garten serviert uns „Mama” erntefrische Gurken und Pfirsiche aus ihrem Garten. Unten im kleinen Innenhof lernen wir ein Team von OSZE kennen, die ebenfalls gerade angekommen sind. Vier Ukrainer und zwei Bayern, die tagsüber einheimischen Grenzbeamten Seminare über Diplomatie und Sicherheit geben. Eine sehr unterhaltsame und entspannte Runde, die wir nicht nur einmal treffen. Ich komme den nächsten Tag über kaum aus dem Zimmer. Irgendwas hat mich eingefangen, aber das kann die Laune nicht trüben. Wir bleiben einfach noch eine Nacht länger in Ismail, bevor es in die Hafenstadt Odessa geht.

Odessa – ein Sommerkleid

Kein Wunder, das berühmte Dichter und Künstler, die nach Odessa kamen, sich in diese Stadt verliebten. Odessa ist einfach nur inspirierend, schön und angenehm – wie ein Sommerkleid und die frische Brise vom Schwarzen Meer. In den antiken Straßen mit ihren maroden und renovierten Prachtaltbauten, auf den schönen Plätzen und in den kleinen Parks der Stadtmitte scheint es, als wären wir auf einem Fest gelandet. Die Frauen und Mädchen übertrumpfen sich in der Auswahl ihrer auffallenden Kleider und bunten High Heels. Die Odessiten strahlen eine ansteckende Fröhlichkeit und Gelassenheit aus. Die Hauptstadt des Lachens, sagt man.
Wir setzen uns in ein nettes Straßencafé auf die Deribasivska. Die berühmte Fußgängermeile ist das Herz der Stadt und Laufsteg ukrainischer Modepüppchen. Von hier aus können wir beide bei einem frischen Kompott wunderbar beobachten, hinter welchen außergewöhnlichen Varianten von Stoff die Damen einen Teil ihrer wohlgeformten Körper verstecken.
Wir wohnen im Stadtteil Luzanovka – eine Viertelstunde Fahrt mit dem Minibus 146, 170, 240, 242 oder 270 vom Zentrum entfernt – direkt am Meeresufer. Hier sind wir durch Zufall in einer kleinen Container-Feriensiedlung gelandet, in der außer uns nur ukrainische Familien Strandurlaub machen. Ferien im Container – gar nicht mal so schlecht. Nach dem morgendlichen Badengehen und einem Campingfrühstück auf der Holzbretterterrasse machen wir von hier aus unsere täglichen Ausflüge „in die Stadt”. Streifen dort mehrmals durch die schattigen Straßen, um eines der schönsten Opernhäuser der Welt herum und über den grünen Primorsky-Boulevard zur geschichtsträchtigen Potemkinschen Treppe. Odessas Innenstadt ist an vielen Stellen liebevoll restauriert und wir können nicht oft genug dort spazieren gehen.
Das zweihundert Jahre alte Opernhaus ist leider saisonbedingt geschlossen. Wir können uns also nicht selbst davon überzeugen, ob dank der einzigartigen Akustik des Gebäudes ein Flüstern auf der Bühne wirklich bis zur letzten Zuschauerreihe zu verstehen ist. Dafür geben vier singende, alte Damen mit knallrot geschminktem Mund und hochgesteckten Haaren ein spontanes Konzert auf der Parkbank.
Am Samstag treffen wir Sergej vom OSZE-Team wieder, das gerade in Odessa ihre Seminarreihe fortsetzt. Sergej, IT-Profi und Musiker aus Kiew, zeigt uns zusammen mit seiner Freundin Tanja einen Nachmittag lang die interessantesten Plätze der Stadt. Wir schlendern mit ihnen zum Yachthafen und über die schwingende Schwiegermutter-Brücke, an denen frisch Verheiratete Schlösser als Zeichen ewiger Liebe aufhängen. Wir werfen ein paar Blicke in die goldverzierten, orthodoxen Kirchen und in die Innenhöfe der Altbauten mit ihren stuckverzierten Fassaden. Zwischendurch kosten wir originalen Borschtsch nach Hausfrauenart – überall in Odessa gibt es neue, hübsche Restaurants und Cafés, in denen sich Touristen und ukrainische Besserverdiener einen Espresso nach dem Essen gönnen.
Am 8. Juli stößt Micha bei einem Streifzug am Hafen in der Nähe der Potemkinschen Treppe auf eine Stechschrittparade junger Burschen und Mädchen in Matrosenuniform. Wir vermuten, dass sie der Besatzung des Panzerkreuzers Potemkin gedenken. Viele der Potemkin-Matrosen wurden nämlich am 8. Juli 1905, also zwölf Tage nach Beginn der berühmten Schiffsmeuterei, der russischen Regierung übergeben mit der Folge von Todesstrafe und Zwangsarbeit.
Eines Nachmittags schleichen wir durch die Halle und Flure des wohl spannendsten Hotels Odessas: das alte, feine Londonskaja. Das Personal hält uns doch tatsächlich für Gäste trotz unserer bescheidenen Reisegarderobe. Wir lassen sie in dem Glauben und genießen ihre höfliche Aufmerksamkeit. Vor fast jedem Zimmer hängt das Porträt eines der berühmten Stammgäste, die hier seit Ewigkeiten nächtigten – Schriftsteller, Künstler, Premierminister und Präsidenten. Eine schöne Bleibe haben sich unsere beiden Bayern Heinz und Peter da ausgesucht. Die wohnen hier nämlich solange bis ihre Seminarreihe beendet ist. Wir verabreden uns mit den beiden abends zu einem echten Hefeweizen in einer Brauereigaststätte, die ihre komplette Brauanlage und die Braukunst aus München importiert hat. Das Preußen-Bayern-Quartett versteht sich wirklich prächtig und vor so viel guter Laune und Leichtigkeit denken wir fast gar nicht mehr daran, dass unser Abenteuer fast zu Ende ist. Nach einer Woche im Container verlassen wir Odessa. Hier könnten wir noch vieeel länger rumlungern, aber unser Heimweg über die Karpaten soll nicht in Stress ausarten.

In die Karpaten: Von wegen Osteuropa

Über kleine Straßen geht es auf drei Etappen in die ukrainischen Karpaten – zur geografischen Mitte Europas. Die markierten Nebenstraßen auf unserer Ukraine-Karte entpuppen sich als vielfältig: breite Schotterstrecken, ausgefahrene Feldsteinstraßen, dunkle Schlammlochpfade, gut befahrbare Feldwege und hier und da Asphalt. Da es am Tag unserer Abfahrt aus Odessa kräftige Regenschauer gibt, macht das manche Passagen ziemlich modderig. Viele der niedlichen Bauernhäuser an den Straßen sind in kräftigem Grün und Blau gestrichen – manchmal liebevoll verziert mit weißen Elementen an den Kanten. Jedes noch so kleine Dorf hat eine neu restaurierte ukrainisch-orthodoxe Kirche, deren goldenes oder silbernes Dach schon von Weiten glitzert. Die Emmen scheuchen die freilaufenden Enten, Gänse und Kühe auf. Die kleinen Städte, die wir durchfahren, präsentieren sich mit riesigen Eingangsschildern in kommunistischem Design.
In den kleinen Lebensmittelläden der Ukraine, dem sog. Magazin, finden wir alle Waren des täglichen Bedarfs: grobes, graues Toilettenpapier, Brot, Butter, Eier, Marmelade und Mineralnaja Woda. Hinter der Theke bedienen uns geschminkte Damen in bunten Kittelschürzen. Sobald wir den Laden betreten, versucht jede der überraschten Verkäuferinnen die jeweils andere vorzuschieben, um die Ausländer zu bedienen. Während unseres Einkaufs mit Zeigefinger und Vokabelbrocken tauen sie dann auf und winken uns zum Abschied aus der Ladentür hinterher.
Zum Übernachten im Zelt suchen wir uns versteckte Plätzchen in Flussnähe. Irgendwo bei Storozhynets müssen wir einen ganzen Regentag lang in unserem trockenen „Käferchen” hocken. Danach sind unsere Körper verspannter denn je und wir freuen uns schon auf ein richtiges Bett in den Karpaten.

47°56′ 3” N, 24° 11′ 30” O

In Rachiv – dem Tor in die Karpaten – finden wir, was wir suchen: ein frisch bezogenes, weiches Bett und eine lange, heiße Dusche im Holzgästehaus von Gastvater Vasil, seiner Frau, Hündin Tucja und dem schwarzen Katerchen, der sich abends zu uns in die Kiste schleicht. Vasil zeigt uns auf seiner Wanderkarte, wo wir einen Tag lang durch die saftiggrünen Berge laufen können. Wir folgen dem Schotterpfad – einmal zu Fuß, am nächsten Tag auf der MZ. Vielleicht war das die letzte Enduroetappe, die die Emme in Eurasien meistern musste. An einer Mineralwasserquelle treffen wir einen Alten, der gerade aus den Pilzen kommt. Mit unseren rudimentären Russischkenntnissen können wir wenigstens einen Smalltalk mit den liebenswerten Ukrainern, die wir überall antreffen, halten. Er schenkt uns Pfifferlinge und einen riesigen Steinpilz, den wir abends zusammen mit der Gastmutti in die Pfanne werfen. Ein bisschen Smetana und frische Kräuter aus dem Garten dazu – hmmm. Bei unserer Wanderung durch die Karpaten kommen wir uns vor wie im Heidi-Film. Gleich kommt Ziegenpeter über den Hügel gerannt. Die Ziegenglocken hören wir schon. Ein paar dunkle, kleine Holzhütten stehen auf den Bergen verstreut – umringt von Sommerwiesen, auf denen Männer und Frauen in der Sonnenhitze das Heu wenden. Unten im Tal sitzen alte Bauern oder deren Enkelkinder auf Hockern an der Hauptstraße – die Trasse – und bieten Vorbeifahrern gepflückte Blaubeeren und Pilze an. Überall wird gerade frisches Obst und Gemüse aus dem Garten verkauft.
Zwölf Kilometer von Rachiv entfernt halten wir am (ukrainischen) Mittelpunkt des Kontinents Europas an. Der wissenschaftlich bestätigte Messpunkt von 1887 liegt bei 47°56′ 3” N, 24° 11′ 30” O. Wie wir später herausfinden, beanspruchen heute auch andere Orte diesen Titel für sich. Der Mittelpunkt der Europäischen Union liegt übrigens in Deutschland – und zwar im hessischen Gelnhausen.
Bevor wir uns aus der unschön verbauten, aber dennoch netten Kleinstadt an der Theiß verabschieden, in der wir immerhin drei Tage verweilt haben, zieht Micha aufs Vorderrad von meiner MZ endlich den letzten der insgesamt vier Ersatzreifen auf, der seit vierzehn Monaten hinten angeschnallt mit uns durch Eurasien reist. Hündin Tucja liegt daneben und beobachtet alles. Sobald wir die Emmen zur Weiterreise ankicken, bellt und fletscht sie wie wild ihre Zähne, bis wir aus ihrer Sichtweite verschwunden sind.

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7 Gedanken zu “Ukraine: Strastwuitje, Röckchen und Kompott

  1. Ja – wir vier sind wieder da!!! Zumindest körperlich.
    Und das Wiederankommen ist mindestens genauso aufregend wie das Wegfahren! Haben derzeit kaum einen ruhigen Moment – vor allem innerlich. Soviel Wiedersehen, soviele Termine 😉 Aber die nächste Bloggeschichte kommt! Immerhin sind die allerletzten Kilometer der Reise und die ersten Tage nach der Ankunft auch einen Bericht wert…

    Melden uns sehr bald, versprochen!

    Die eMMenreiter

  2. Nun muß ich mich auch mal zu Wort melden.
    Ich habe ja nun fast die ganze Reise mitgelesen.
    Ich freue mich sehr, daß ihr heil zu Hause angekommen seid. Zumal ich ja versprochen hatte, euch auf der Reise mit kostenlosen MZ Ersatzteilen zu beliefern 🙂
    Aber ihr habt mich nicht in den Bankrott gestürzt.
    Außer einer Lieferung nach Indien mußte ich nichts rausrücken….
    Wenn das nicht für die Qualität der MZs spricht….

    Also
    Ich hoffe wir lernen uns mal persönlich kennen…
    Ihr habt das gemacht, was viele von uns gerne mal machen würden, es aber nicht machen, weil es zu viele „weil“ gibt.
    Familie, Beruf, Alter,Geld etc.
    Deshalb beneide ich euch um eure Erinnerungen…

    GüSi
    http://www.mzsimson.de

  3. Auch wenn das Blog noch nix sagt, aber die Startseite hat gute Nachricht 😉
    Das Daumendrücken scheint zumindest nicht geschadet zu haben.
    Ich bin stolz auf euch!
    Martin

  4. Hallo Susanne und Michael,

    noch drei (?) Tage und Ihr seid wieder da angekommen, wo Ihr gestartet seid. Ich wünsche Euch ein GUTES HEIMKOMMEN!

    Mit zwei RxxxxGSen wär das eine Leistung gewesen. Aber mit ETZ 250? Ein Klacks! Ich hoffe Ihr versteht meinen Spott.

    Und nochmal VIELEN DANK für Eure großartigen Berichte!! Was soll ich nun im nächsten Winter machen? Das wird (m)ein Problem.

    Gruß janus

  5. Hallo Freunde,
    mein Neid ist Euch (heimlich und auch nur ganz klein aber…) beständig 14 Monate lang nachgeschlichen, auf der Reise um die halbe Welt. Jetzt fühle ich gerade sehr mit Euch, wie es sein muß, nach so einer EINMALIGEN TOUR zurück nach Hause zu kommen. Und Ihr tut mir fast schon ein bischen Leid! Ich freu mich trotzdem – oder gerade deswegen- riesig darauf Euch wiederzusehen! Wenn Ihr einen genaueren Plan habt für Eure Wiedereinreise am 25.07. gebt mir bitte noch mal ’ne Info per Mail.
    Viele Grüße vom Feuerreitter und Familie!

  6. Hallo,
    das freut mich, dass es euch in der Ukraine genauso gut gefällt, wie es mir vor ein paar Jahren gefallen hat. Ukraine ist Top!
    Wie immer tolle Bilder und spannende Zeilen – danke!
    Kommt gut weiter nach Polen und lasst es Euch gut gehen – geniest die „letzten“ Tage
    gruss
    Fränky

  7. Juhuuu, wieder super Fotos und spannende Erlebnisse!
    Erzählt bitte nicht, dass auf eurer Tour Endzeitstimmung herrscht. Dafür habt ihr noch genug zu berichten. Das Foto von Micha am geografischen Mittelpunkt Europas gefällt mir deutlich besser, als alles, was bei Panoramio eingestellt ist!!!!
    Und eure Paddel-Affinität brauchtet ihr auch nicht erst auf der MZ zu dokumentieren. Ist trotzdem spannend, was ihr alles so erlebt.
    Bleibt gesund und immer schön vorsichtig voran!
    Daumen hoch für die letzten Kilometer 😉
    Martin

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