Tadschikistan: Vom Flachland in die Berge

Nordtadschikistan-1

Ohne Murren an die Grenze

2. September. Dritter Anlauf aus Taschkent. Beide MZ-Motorräder sind startbereit und bringen uns diesmal ohne Murren an die Grenze zu Tadschikistan. Die Abfertigungsprozedur läuft auf beiden Grenzposten relativ schnell und ohne große Probleme ab, obwohl wir in Usbekistan mit den MZ laut Fahrzeug-Registrierungspapier bereits achtzehn Tage vorher hätten ausreisen müssen. Mit der Masche „total erstaunt sein und dumm stellen” sowie nach ein paar Unterschriften auf irgendwelchen Blankoformularen lassen uns die netten Grenzbeamten ohne Strafe ausreisen. Und dann kommt die Erleichterung: Ja, wir sind endlich da – im kleinsten, aber höchsten Land Zentralasiens.
Wir fahren auf einer perfekt asphaltierten Straße hundert Kilometer bis nach Khojand, wo wir uns für den Landesaufenthalt beim OVIR-Büro registrieren lassen müssen. Natürlich ist dieser unverständliche bürokratische Akt nicht mehr am selben Tag zu schaffen. Am nächsten Morgen beginnt eine regelrechte Registrations-Schnipseljagd bis wir endlich die Bankfiliale gefunden haben, die für die notwendige Gebühreneinzahlung zuständig ist. Mittags haben wir das so wichtige Registrierungszettelchen in unserem Passport und setzen die Reise auf der M34 südwärts in Richtung Hauptstadt fort.

Staubige Enduro-Etappe bis nach Dushanbe

Irgendwann nach der Kleinstadt Istaravshan wird die Straße zum schmalen, trockenstaubigen Schotterweg. Der spannende Shakristan-Passanstieg steht kurz bevor. Die braven Emmen bringen uns mit quietschenden Stoßdämpfern im überwiegend ersten Gang nach oben. Ein paar Mal hupt es von hinten – Autos kündigen ihr Überholmanöver an, bevor sie mit einer Staubwolke an uns vorbeipoltern. Nach etwa einer Stunde bergauf lesen wir das Schild: 3378 Meter. Yeah, wir vier haben den ersten Dreitausender geschafft! Der Ausblick von hier oben ist unsere Belohnung. Die eingestaubten Emmen dürfen ohne Motor lautlos ins Tal rollen. Ab jetzt wird die Fahrt durch abschnittweise brandneuen Asphalt auf der Straße zum Hochgenuss. Es ist schon später Nachmittag. Uns begegnet ein LKW – die Ladefläche voller Chinesen mit knallblauen Helmen. Das sind die importierten Straßenbautrupps, die hier in dreckigen Zeltcamps am Bergstraßenrand hausen, solange die M34 im Bau ist. Die Baustellen auf der Strecke sind heute zum Glück alle passierbar, langes Warten bleibt uns also erspart.
Kurz vorm Dunkelwerden kommen wir im Dorfhotel in Ayni an. Im selben Gebäude hat die Welt Hunger Hilfe ein Büro. Wir sind hier die einzigen Gäste; der alte einheimische Mann, der uns empfängt, ist das einzige Personal. Die Übernachtung ist trotz hartnäckig verhandeltem Nachlass immer noch überteuert, aber wir sind froh über ein Dach über dem Kopf. Wir gehen noch schnell zum Dorfladen und packen nach einer leckeren Portion selbstgekochter Rühreier unsere Schlafsäcke aus, legen das speckig-abgegrabbelte Bettzeug beiseite und sagen „Gute Nacht”. Draußen ist es windig und kühl geworden. Wir schlafen trotz lautem Schafsgebölk schnell ein. Nach ein paar Stunden und viel zu früh heißt es schon wieder aufstehen, denn der vor uns liegende Streckenabschnitt soll ab sechs Uhr morgens bis zum Abend hin durch die chinesischen Bautrupps voll gesperrt sein. Um fünf Uhr, kurz vorm Hellwerden, brechen wir mit Herzklopfen zur letzten Etappe bis nach Dushanbe auf. Dass Micha heute Geburtstag hat wird irgendwie zur Nebensache. Sein einziger und bescheidener Wunsch ist, dass wir gut durch den schlimmen Straßentunnel am Anzob-Pass kommen.

Der Anzob-Tunnel (2.650 m): Gruselfahrt durch ein 5-km-Ungeheuer

Von anderen Reisenden haben wir gehört, dass der Tunnel am Anzob-Pass wohl die schwierigste Hürde sei. Durch Schmelzwasser aus den Bergen ständig überflutet ist die Durchfahrt besonders für Motorradfahrer ein Abenteuer mit ungewissem Ausgang. Hier will keiner stecken bleiben.
Nach einer Schotterfahrt durch Baustellen und Schluchten der nördlichen Berge erscheint es dann wie erwartet vor unseren aufgerissenen Augen: das große schwarze Loch im Berg, aus dem Abgase ans schwache Tageslicht strömen. Wir stehen angespannt vor dem dunklen Tunneleingang, inmitten einer modderigen Dauerbaustelle. Wir halten kurz inne, Micha spricht mir Mut zu, bevor wir uns in die Hölle begeben. Er darf ausnahmsweise vorfahren. Als ich die Fontäne sehe, zögere ich einen Moment. Was soll`s, hier müssen wir beide durch. Lenker festhalten und bloß nicht anhalten. Mein Körper ist angespannt, meine Hände zerdrücken die Lenkergriffe.
Im funzelig beleuchteten 5 Kilometer langen Ungeheuer steht nach dreißig Metern das Wasser etwa kniehoch. Von oben tropft es. Die Luft stinkt, ist feucht und kalt. Der alte Russen-Lastwagen vor uns rumpelt langsam durch die Schlaglöcher und schlägt Wellen. Der Untergrund ist uneben, Schotterhaufen haben sich unter Wasser angespült. Irgendwann erlöst uns strahlender Sonnenschein am anderen Ende des Tunnels – das weiße Licht, von dem Nahtote schwärmen. Endlich draußen aus dem Loch!!! Micha schüttet das Wasser aus seinen Schuhen und dann fahren wir auf glatter Straße mit Ausblick auf die geniale Umgebung im Morgenlicht bergab. Nach der Erleichterung kommt bei mir bald starke Müdigkeit auf. Der Weg bis in die Hauptstadt zieht sich hin. Als wir mittags in Dushanbe ankommen, dauert es noch fast zwei Stunden, bis wir die ersehnte Unterkunft nahe des Vadanosos-Basars und der deutschen Botschaft gefunden haben. Auf dem kleinen Grundstück mit Häuschen und Garten stellen wir die Motorräder ab und bauen das Zelt für drei Tage auf.

Dieses fremde Video zeigt die Tunneldurchfahrt per Auto:

Wir genießen ein Luxusfrühstück

Am nächsten Morgen gehen wir zum Basar und besorgen alles für ein ausgedehntes Luxusfrühstück, das wir nachträglich zu Michas Geburtstag genießen möchten. Luxus bedeutet, dass wir ein Essen bereiten können, wie wir es lange nicht genossen haben. Simon, rucksackreisender Student aus Deutschland, ist auch gerade in der Unterkunft angekommen und leistet uns beste Gesellschaft. Wir freuen uns über Leute aus der Heimat. Satt wie schon lange nicht mehr erledigen wir nach dem Essen die kleinen alltäglichen Dinge wie Wäsche waschen, Einkaufen und Schreiben. Micha bastelt ein bisschen an den Motorrädern herum. Mittlerweile kann er sich beruhigt als Schrauber bezeichnen.
Wir planen von hier aus unsere Route durchs Land und über den Pamir. Am 7. September fahren wir aus Dushanbe los. Im Osten des Landes sind wir der freien Gebirgsnatur “ausgesetzt”, d.h. es wird keine Hotels, keine Tankstellen, keine Läden und kein Internet geben. Am 19./20. September wollen wir über den Grenzpass nördlich von Murghab nach Kirgistan fahren. Von hier aus soll es am 22. September über China und den Karakorum-Highway weitergehen.

Reise-Abenteuer: Von der Haustür zum Himalaja und zurück
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