Kirgistan: Vom Issyk-Köl zum Torugartpass

MZ auf Schlammpiste

Auf dem Weg nach Tasch-Rabat: Die Schlammschlacht beginnt… © emmenreiter.de

Issyk-Köl: Südlich des heißen Sees

Viele Kirgistanbesucher umrunden den Issyk-Köl – den zweitgrößten Bergsee der Erde. Im Sommer laden vor allem seine Sandstrände im Norden mit Blick auf die Berge zum Baden ein. Daher ist dieser Teil des Sees jetzt im August von Einheimischen und Urlaubern aus benachbarten Ländern bevölkert. Nach den kalten Nächten am Song-Köl freuen wir uns auf das milde Klima am Issyk-Köl und schlagen auf dem Weg nach Karakol irgendwo am ruhigen Südufer für eine Nacht das Zelt auf. „Sieht aus wie die Ostsee!“ sage ich zu Micha, der etwas enttäuscht ist, dass ich im menschenleeren Wasser nicht schwimmen gehen will. „Ja, und nachher fahren wir nach Wismar weiter,“ antwortet er. „Hast Du auch gerade Bock auf Bratwurst?“ frage ich. „Ja, mit extra viel Senf.“
Nach unserem kleinen „Ostseeausflug“ verbringen wir fünf Tage in der entspannten Kleinstadt Karakol südöstlich des Issyk-Köls. Von hier ist es nicht weit zum mittleren Tien-Shan-Gebirge mit den höchsten Gipfeln und Gletschern Zentralasiens. Die meisten kommen daher zum Bergwandern hierher. Wir suchen uns ein ruhiges Gasthaus mit Garten und machen erstmal keine Pläne. Statt mit Sack und Pack auf dem Rücken für mehrere Tage über die Berge zu kraxeln, ist uns eher danach, stink normale Dinge zu tun. Micha schrubbt den Schmutz aus 14 Ländern aus seinen steif gewordenen Motorradklamotten. Dann geht er nochmals dem ominösen Klackern seines Hinterrades auf die Spur. Wieder ohne Erfolg. Es scheint alles in Ordnung zu sein. Ich schreibe solange unsere Geschichten auf und freue mich auf den täglichen Besuch im Café „Fat Cat“ mit seinen leckeren Snacks und echtem italienischen Kaffee. Der sorgt für Energie und Micha und ich brechen auf zu einem Wandertag durch das Jeti-Ögüz-Tal mit seinem wilden Fluss und saftiggrünen Weiden.
In einer Woche müssen wir uns von Kirgistan verabschieden. Wir nehmen daher Kurs auf Naryn im zentralen Süden des Landes. Auf dem Weg dorthin fahren wir nochmals am Südufer des blau leuchtenden Issyk-Köls entlang. Als wir nach einer erneuten Nacht an seinem einsamen Ufer verschlafen aus dem Zelt krabbeln, gucken wir etwas verdattert. In dieser Verlassenheit hat es tatsächlich jemand geschafft, nur zwei Meter von uns entfernt, unseren glänzenden Campingtopf mit kalt gewordener Nudelsuppe vom Motorrad zu stehlen. Na dann: guten Hunger!

Schlammschlacht mit Ausblick

Nach einem Zwischenstopp in der verstaubten Kleinstadt Naryn soll die alte Karawanserei Tasch-Rabat unser letzter Halt vor China sein. Zwei Wege führen dorthin: der kürzere geht einfach weiter südlich die gut ausgebaute Hauptstraße entlang, die bis an die chinesische Grenze, dem Torugartpass, reicht. Die zweite Route macht einen Abstecher nach Westen durch das weite Naryn-Tal bis in die Kleinstadt Baetov. Von dort geht es hundert Kilometer über zwei Bergpässe zurück zur Torugart-Hauptstraße nahe Tasch-Rabat. Dieser Abschnitt über die Berge soll landschaftlich eine der schönsten Routen in Kirgistan sein. Im Reiseführer ist der Zustand der Straße allerdings als „rough 4×4 road“ beschrieben. Das lesen wir aber erst hinterher.
Nach kurzem Hin und Her entscheiden wir uns für den interessanteren Umweg und sind froh darüber, denn die Sonne scheint und die Fahrt durch das ruhige Tal hat meditativen Charakter. An der einzigen Zapfsäule in Baetov tanken wir auf, bevor wir auf einem Schotterweg durch das Terek-Tal dem ersten Pass, 3.268 Meter hoch, entgegenstauben. Wir überrollen zunächst ein trockenes, weites Flussbett. Danach steigt der Weg stetig an. An den Bergspitzen verdichten sich plötzlich die Wolken von Hell- zu Dunkelgrau. Es tropft. Wir ziehen lieber die Regensachen über und blicken dabei ins diesige, mystisch schöne Flusstal zurück, das wie in die Landschaft gemalt erscheint. Die Fahrt wird nun immer steiniger und steiler. An den engen Serpentinen müssen wir im ersten Gang ordentlich manövrieren und Gas geben, um nicht hängen zu bleiben. Weiter hinten fallen die Regenwolken auf die Berge.
Oben am Pass angekommen freuen wir uns auf ein entspanntes bergrunter rollen. Doch der Regen hat den rostroten, feinen Sand aufgeweicht und den Weg in eine schmierige Modderbahn verwandelt. Wir schlittern mehr als dass wir fahren und ich weiß mal wieder nicht, ob mir nach lachen oder heulen zumute ist. Mein Motorrad will mir ständig entgleiten. Unter meinen Stiefeln, mit denen ich versuche, uns vom Wegrutschen abzuhalten, klebt eine lästige Schicht Matsch. „Na wenigstens staubt es nicht!“ muntere ich mich selber auf. Als meine Emme und ich dann doch hilflos wie ein Käfer auf der Seite liegen, wird es spannend. Wie kann mich Micha aus dem Schlam(m)assel befreien? Die Szene ist schon herrlich, wie wir beide am Hang daher rutschen und versuchen, zurück auf die Motorräder zu steigen. „Wenn das so weiter geht…“, platzt es aus mir heraus. Aber ich brauche diesen sinnlosen Satz ja sowieso nicht beenden. Noch etwa 50 Kilometer bis nach Tasch-Rabat.
Ein paar Kilometer weiter ist die Schlammpiste zuenden und die Straße zum Glück meistens nur noch rutschig oder wir können hier und da auf das Gras ausweichen. Keine Ahnung, wie weit wir heute kommen. Die Gegend ist tatsächlich einmalig schön, aber bei dem düsteren Wetter leider extrem ungemütlich. Micha und ich scheuchen auf den Motorrädern wilde Pferdehorden auf, die mit wehenden Mähnen im Galopp über die Weide flüchten. Die Piste führt später nochmals durch ein riesiges Flussbett, durch das mehrere Furten fließen. Das Wasser kommt wie gerufen für die dreckigen Emmen.

Tasch-Rabat: Jurte mit Banja

Kurz vor Sonnenuntergang kommen wir verfroren und ermattet an einem Jurtencamp kurz vor Tasch-Rabat an. Zwei Russen und ihr alamierter Wachhund heißen uns herzlich willkommen. „Hallo, ich bin Juri – wie Juri Gagarin!“ sagt der eine. Er und sein Kumpel Rafael schütteln mitleidig unsere feuchtkalten, dreckigen Handschuhe. „Ihr könnt sofort in die Banja gehen. Danach gibt es Abendessen. Dawei!“ Meine Zähne klappern vor Kälte und wir müssen nicht lange überlegen. Zügig satteln wir ab. Außer uns ist gerade niemand da, der die etwa zehn Jurten bewohnt.
Es dauert nicht lange und wir sitzen nackt in der winzigen Holzsauna unten am Fluss, gleich hinter dem Camp. Der heiße Dampf in der provisorischen Hütte umarmt uns regelrecht. Warmes Blut strömt zurück in meine weißen, tauben Hände und Füße. Herrlich durchgewärmt laufen wir nach der Sauna tiefst zufrieden hinüber in die enge, urgemütliche Küche des Camps, die sich in einem umgebauten Frachtcontainer befindet. Der Container ist das zeitweilige Zuhause von Juri, Rafael und Soja aus Bischkek, die sich von Mai bis Ende September um das Camp kümmern. „Niemand fährt bei Regen nach Baetov!“ kommentiert Juri kopfschüttelnd unseren heutigen Emmenritt. Er geht nach draußen und befeuert den kleinen Ofen in unserer Jurte. Das Feuerchen wärmt dem Filzhäuschen kräftig ein. Micha hat sich nach dem von Soja liebevoll dargereichten Abendessen ziemlich bald unter die fette Bettdecke gekuschelt. Die Anstrengung von heute ist verflogen und einem wohligen Gefühl gewichen. Ich halte diesen besonderen Moment im Kerzenschein noch mit der Kamera fest.
Am nächsten Morgen scheint die Sonne auf die Jurten. Soja macht in ihrer mütterlichen Art ein geniales Frühstück für uns. Ich könnte ewig bei ihr am Tischchen hocken bleiben.
Am Vormittag schleppen wir im Kanister das kalte Wasser aus dem Fluss zum Camp und spülen drei Stunden lang den angetrockneten Lehm von unseren Mopeds und Klamotten. Danach wandern wir sechs Kilometer zur alten Karawanserei Tasch-Rabat. Der auf über 3.000 Metern liegende und halb in einen Hügel hineingebaute Komplex aus Stein soll eines der best erhaltenen Bauwerke an der historischen Seidenstraße sein. Vor mehreren hundert Jahren wurde es ursprünglich als Kloster errichtet.
Nach zwei romantischen Nächten in der Jurte machen wir uns am 1. September 2016 morgens um halb neun bei Gegenwind auf den Weg zum hundert Kilometer entfernten Torugartpass. Er markiert die Grenze zu China. Juri kann uns noch zehn Liter Benzin verkaufen, damit wir es bequem bis nach Kashgar schaffen. Unsere russische Truppe drückt uns herzlich zum Abschied und winkt uns fröhlich hinterher. Selbst Wachhund Charly wackelt mit dem Schwanz.

Date am Torugartpass

Ab 10:45 Uhr sollen wir am Grenztor planmäßig auf Abdul treffen – unseren obligatorischen Guide auf chinesischer Seite, der uns 2008 schon mal begleitet hat. Damals hatten wir 30 Stunden an der chinesischen Grenze verbracht, bis endlich alle Zollpapiere für die Motorräder herausgegeben wurden. Abdul arbeitet für eine Reiseagentur in Kashgar, die unseren 7-Tage-Transit bis nach Pakistan arrangiert. Das kostet uns pro Person mit Motorrad 1.720,- US-Dollar inkl. aller Papiere, Guide, Fahrer des Guides und Unterkunft. Wie eh und je müssen Ausländer mit eigenen Fahrzeugen etliche bürokratische Hürden erdulden, damit sie China durchqueren dürfen.
Kurz nach zehn stehen wir am kirgisischen Grenzposten. Wir sind jetzt noch sechs Kilometer vom Torugartpass, der 3.752 Meter hoch liegt, entfernt. Schön kalt hier. In wenigen Minuten liegt Kirgistan also hinter uns – und die Reise durch dieses Land war genauso schön und exotisch, wie wir es erhofft hatten. Hinter jedem Berg versteckte sich eine noch schönere Landschaft, ein noch blauerer See oder eine noch gemütlichere Unterkunft. Wir haben geschwitzt und gefroren, hatten ordentlich Trubel um uns herum oder eine absolute Stille. Die Menschen des Landes – Kirgisen, Russen, Usbeken… – haben wir als sehr freundlich, interessiert und dennoch zurückhaltend erlebt. Von ein paar Autofahrern oder Partymachern mal abgesehen. Selbst die Grenzbeamten entlassen uns nach einer blitzschnellen Abfertigung mit einem ehrlichen Lächeln. „Kirgistan… otschen karascho!“ verabschiedet sich Micha bei ihnen und hält seinen Daumen nach oben. Die Jungs in Uniform grinsen stolz zurück.

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4 Gedanken zu “Kirgistan: Vom Issyk-Köl zum Torugartpass

  1. Liebe Suse, lieber Micha,

    bin gerade von drei herrlichen Wochen Alpenurlaub mit tollen Touren zurück und habe nun alle Neuigkeiten von Euch aufgesaugt. Ich grüße Euch herzlich in die östliche Ferne, wo auch immer Ihr gerade im weiten China umherrollt.

    Susanne

  2. Hallo aus Thüringen,
    will mich auch mal wieder melden, denn mein Staunen über soviel Abenteuer und Aufregung kann ich nicht verbergen.
    Da ist auf den letzten Kilometern ja ordentlich was zusammen gekommen , Respekt !!
    Es ist doch immer wieder erstaunlich wie sich alles fügt. Da ist eine positive Einstellung , die ihr ohne Zweifel habt,
    genau richtig. Macht weiter so !
    Freue mich schon auf die kommenden Berichte.
    Immer schön im Sattel bleiben, in diesem Sinne ,Gruß Lupo !

  3. Hallöchen, ihr Weltenbummler.
    Liebe Grüße aus der Prignitz. Kommen gerade von Papas
    kleiner Feier. Mutti hat uns alles von eurem Telefonat
    erzählt. Danke für die Grüße. Manchmal vermissen
    wir euch schon ganz doll und beneiden euch um
    eure Auszeit. Bis zum nächsten Kommentar. Hue

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