Russland: Durch Kalmückien zum Wolgadelta

Kalmückien: Alter Churul Elista

Buddhistischer Tempel (Alter Churul) kurz vor Elista, Russland 2016 © emmenreiter.de

Geduldsprobe russische Grenze

20. Juni, morgens um halb Neun. Wir haben gerade eine Menge Lastwagen überholt und sind nun an der georgisch-russischen Grenze bei Dariali. Der Himmel ist blau. Perfekt. In drei Tagen wird heftiger Regen einen 800 Meter langen Erdrutsch (News-Foto) auslösen und den Weg nach Russland für unbestimmte Zeit blockieren. Wir sind also nicht zur falschen Zeit am falschen Ort.
Der georgische Posten ist in fünf Minuten passiert – wir müssen noch nicht mal absteigen. Wahnsinn. Jetzt noch zügig durch den maroden Tunnel zur russischen Seite und hoffen, dass es hier genauso flutscht. Eine Menge Autos und Lastwagen warten an diesem Montagmorgen in vier Spuren auf die Pass- und Gepäckkontrolle. Man winkt uns ganz nach vorne durch und platziert uns zwischen zwei Spuren. Pole position – wunderbar! Die Sonne wärmt und wir warten darauf, dass wir bald herangewunken werden. 30 Minuten lang tut sich erstmal gar nüscht und wir werden Zeuge des gemütlichen Schichtwechsels an der Grenze. Eine weitere Stunde später fragen wir uns, ob wir den linken oder rechten Posten anfahren dürfen. Und vor allem, wann. Auf der rechten Spur neben uns winkt der Grenzsoldat einen Wagen nach dem anderen zur Kontrolle durch. Uns ignorieren sie. Wir warten artig ab. Auf der linken Spur ist die PKW-Schlange komplett ins Stocken geraten – es ist die Spur für all jene, die keinen russischen Pass besitzen. Na toll. „Was machen die da? Warum dauert das so lange!?“ Von den an sich netten Beamten und Soldaten macht sich keiner die Mühe, den Vorgang zu beschleunigen. Schnaufend hole ich den aufgeweichten Snickersriegel aus meinem Tankrucksack. Ja, ich weiß! In den nächsten Wochen werden wir noch viel Zeit vor zentralasiatischen Schlagbäumen verbringen und Russland wird nicht der schlimmste Übertritt sein. Nach drei Stunden in der Sonne, in denen wir stumm und ungewiss auf die zähe Abfertigung geglotzt haben, ist meine Geduld dennoch allmählich aufgebraucht. „Zwei Leute arbeiten und 15 lungern rum!“, brubbel ich mit übelster Laune. Dann sind wir endlich an der Reihe und nach insgesamt fünf Stunden fahren wir ermüdet davon. Da hätten wir noch Glück gehabt, erzählen uns Einheimische hinterher.
Russland empfängt uns sofort mit einem krassen Gewitter. Muss ich wirklich noch erwähnen, wie motiviert wir sind? 300 Kilometer müssen jetzt noch abgeritten werden. Da die Sicherheitslage im Nordkaukasus fragil ist, wimmelt es vor Polizeiwagen, die sich teilweise wie Raubtiere auf die Lauer legen. Das Touristen, die man beim Verstoß erwischt, einem Lottogewinn gleichen können, ist uns nicht neu. Wachsam fahren wir an allen Streifenwagen vorbei. Nur 20 Kilometer vor unserem Ziel Budjonnowsk – es dämmert bereits – blitzt dann das Blaulicht im Rückspiegel. Zwei schmierig grinsende Polizisten stoppen uns, kassieren unsere Führerscheine ein und bitten Micha in Mafiaboss-Manier im Wagen Platz zu nehmen. Wir hätten das Überholverbot missachtet und hier ist das Beweisvideo! Dabei gab es keine durchgezogene Linie – wohl aber ein temporäres Verkehrsschild. „Sechs Monate Fahrverbot“, freuen sich die Uniformierten über ihre eindeutig stärkere Verhandlungsposition. „Tausend! No Protokoll.“ lautet ihr Angebot. Die meinen tatsächlich US-Dollar. Ich bin froh, dass Micha die Sache freundlich regelt. Stinksauer krame ich die Scheine aus dem Gepäck. Jeweils hundert Dollar stecken die Beamten nach zehn Minuten ein. Innerlich fluchend fahren wir in den Sonnenuntergang von Budjonnowsk und versuchen, die Sache möglichst schnell abzuhaken.

Freunde in Budjonnowsk

Im Reiseführer ist Budjonnowsk mit keiner Silbe erwähnt. Google spuckt als erstes eine grausame Geiselnahme im Jahr 1995 aus. Die Stadt mit 65.000 Einwohnern liegt auf unserem Weg nach Kalmückien und das moderne Ferienapartment auf booking.com war billig und sah super aus. Wir fragen an einer Autowerkstatt nach der Straße zum „Gostinitsa“. Iwan, den wir ansprechen, entpuppt sich sogleich als unser Vermieter. Schöner Zufall!
Er begleitet uns zum Apartment. Es ist ganz neu und richtig schön gemacht. Dann bringt Iwan noch eine frische Pizza, ein paar Flaschen kühles Bier und ein Handy vorbei, über das wir ihn jederzeit erreichen können. Toller Typ. Und der Nachbar bringt eine Schüssel Kirschen zur Begrüßung.
Iwan und seine Frau Lena kümmern sich drei Tage lang rührend um uns. Unser Schulrussisch ist leider zu einer stümperhaften Aneinanderreihung einzelner Vokabeln verkommen, aber irgendwie reicht es. Die Zahlen ausgenommen fallen mir immerhin etwa hundert Wörter ein, die uns passabel durchbringen.
Am Tage brennt die grelle Sonne auf Budjonnowsk und wir sind kaum draußen unterwegs. Die provinzielle Stadt mit ihren flachen Häusern und langen Straßen, die wie ein Gitternetz verlaufen, ist uns sympathisch. Aber außer einem See und auffallend vielen Lebensmittelgeschäften in allen Größen gibt es hier nichts. Iwan und Lena sind die Highlights. Mit ihnen, ihrem Sohn Dimitri und Motorradkumpel Maxim verbringen wir einen lustigen Abend bei Essen, Tschai und Kognak. Iwan, der so alt ist wie Micha, packt zwischendurch noch seine E-Gitarre aus. Sting sei sein großes Vorbild. Am liebsten wäre er Rockstar geworden.
Am nächsten Tag starrt Micha entsetzt auf sein Handy. „Aus Sicherheitsgründen mussten wir soeben Ihre Kreditkarten sperren.“ Und zwar alle. Grund ist ein gehackter Geldautomat – in Berlin. An dem hatte Micha vor der Reise alle neuen Kreditkarten ausprobiert. Das war im Februar. Nach einem teuren Telefonanruf bei der Bank schaltet die Securityabteilung wenigstens eine der Karten im Notfall-Modus frei, so dass wir weiterhin an Bargeld kommen können.
Der kurze Schock ist verarbeitet und Micha putzt nach fast 70 Reisetagen erstmals beide Motorräder. Dabei holt er sich einen bösen Sonnenbrand am Rücken. Ich trau mich nicht, das Foto zu zeigen. Als wir mit glänzenden Emmen nach Elista aufbrechen, möchte Maxim uns auf seiner Kawasaki
noch bis an den Abzweig nach Arsgir eskortieren.

Kalmückien: Ein Stück Mongolei in Russland

Schon mal von Kalmückien gehört? Die autonome Republik ist besiedelt von Menschen, deren Vorfahren vor etwa 400 Jahren aus der Mongolei an die Wolga kamen. Das Steppenland ist die einzige buddhistische Region Europas. In der kalmückischen Hauptstadt Elista steht der größte Buddha-Tempel im Okzident – der „Churul“.
Wir wählen von Budjonnowsk aus den kürzesten Weg – 200 Kilometer nach Norden, durch die Einöde. Ab dem Städtchen Arsgir landen wir auf einer feinsandigen Piste, die sich immer wieder teilt. Bald sind wir nicht mehr sicher, welcher der Autospuren wir folgen sollen. 40 Kilometer lang eiern wir bei gnadenloser Hitze durch die glühende Steppe, denn auch die HereMaps-App ist total überfordert. Micha fragt einen scheuen Hirten auf seinem stolzen Pferd. Der weiß auch nicht, wohin er uns schicken soll. Wir  starren in die teilweise blühende Büschelebene und ihre zartes Grüngrau, Altrosa oder Goldgelb.
Die Pfade führen uns drei, vier mal über ein scheinbar verlassenes Gehöft. Unsere Motorräder scheuchen schon von Weitem die traurigen Wachhunde an der Kette auf und ihre freilaufenden Kollegen verjagen uns aus ihrem Revier. Dabei ließen sich hier so tolle skurrile Bilder machen: ein verlassener Russentraktor als einziger greller Farbklecks, riesige Schafe drängen sich im Hauswandschatten, der stolze Truthahn auf dem rostigen Kofferraum eines alten Ladas, ein goldbrauner Staubwirbel weht über den Hof.
Wir folgen den Strommasten und landen nach fast drei Pistenstunden auf einer asphaltierten Trasse, die uns ans Ziel führt. In Elista öffnet Mütterchen Tatjana das graue Eisentor zu ihrem Hof in einer stillen Wohnsiedlung. Sie begrüßt ihre eingestaubten, müden Gäste mit Keksen und Tschai und lächelt uns durch ihre zentralasiatischen Augen an. Als wir ihr irgendwann die Geschichte mit der Polizei erzählen, ist sie richtig schockiert. Es ist ihr unangenehm, dass wir so „empfangen“ wurden. Sie telefoniert. Dann überreicht sie uns einen Zettel mit einer Telefonnummer: „Stop Korruption“ – da sollten wir uns melden, falls es nochmal passiert.
Heftiger Wind und ein kurzes Gewitter haben die Stadtluft endlich abgekühlt. Wir besuchen den alten und den neuen Tempel, laufen durchs kühle und leere Nationalmuseum, essen Eis im Park und beobachten Kinder beim Nationalsport der Kalmücken – dem Schachspiel. Zum Abendessen gibt es gefüllte Teigtaschen. Die Kalmücken nennen die leckeren Dinger Böriki. Teigtaschen haben echt die ganze Seidenstraße erobert.
Nun noch schnell zur Russischen Post und danach ab ins Wolgadelta. „Adin marka, Germania, paschalsta„, bitte ich den jungen Mann hinter dem Tresen mit einem Lächeln. Der dreht und wendet unsere Postkarte vom Tempel. Er weiß nicht, was er damit anfangen soll, weil sie noch unbeschrieben ist.
Dann blättert er in einem Katalog. „35 Rubel“, sagt er. Super! Dann will er meinen Namen wissen – der müsse auf die Karte. Ok. „Und der Empfänger bitte!“ Logisch. Bevor wir unsere eigenen Grüße darauf loswerden können, bekritzelt er den Rest der Karte noch mit der Benennung des Postbezirks. Dann verabschiedet er uns freundlich – er würde den Rest für uns erledigen. Moment mal, wir wollen auch noch was auf die Karte schreiben! Das wundert ihn, aber für zwei Zeilen ist gerade noch Platz. Laura – bitte sag uns, ob die Postkarte bei Dir angekommen ist.

Astrachan – Verkriechen am Wolgadelta

Gott sei Dank, die Mückenplage ist gerade vorbei! Jedes Jahr fallen im Juni ganze Schwärme von Mücken über das Delta her und saugen alles aus, was Blut in den Adern hat. In den letzten Tagen haben uns viele davor gewarnt, dass wir echt Angst bekommen haben. Während der Fahrt nach Astrachan sah ich mich schon schweißgebadet in voller Motorradmontur durch Mückenwolken laufen – nur schnell zum Lebensmittelladen, dann ins klimatisierte Apartment und weiter nach Kasachstan. Aber zum Glück ist es nicht so.
Wir sehnen uns beide gerade nach einer Pause vom Unterwegssein und ziehen uns vier herrliche Tage lang in die kleine, sanierte Wohnung im fünften Stock eines alt-sowjetischen Wohnblocks zurück. Bitte erstmal keine neuen Eindrücke mehr! Auch keinen Ausflug ins Delta bei 38 Grad im Schatten. Einfach nur Frühstücken, Wäsche waschen, Schreiben, Lesen, Dokus gucken, Yoga machen und Michas schrecklichen Sonnenbrand pflegen. Er schuppt und häutet sich wie eine Schlange – mein armes Reptil.
Ein Behördengang steht an. Spätestens am siebten Werktag nach unserer Einreise in Russland müssen wir uns registrieren lassen. Dazu muss (auch) der russische Gastgeber auf dem Amt erscheinen. Wir erledigen das bei der Post in der Nähe des Kremls. Drei Stunden und 45 Minuten hängen wir herum, bis die Beamtin den Papierkram für uns erledigt hat. Dafür zahlen wir jeweils 500 Rubel, rund sieben Euro.
Mit dem sinnlosen Zettel im Pass und aufgetankt mit neuer Reiselust steuern wir am 30. Juni morgens um halb sechs Kasachstan an. Um sieben stehen wir in der relativ kurzen Schlange am Schlagbaum in Kotjajewka. Wir sind bereit für das Grenzprozedere und die kommende Durststrecke bis Atyrau.
Hey, die russischen Grenzer winken uns nach vorne durch: ab an die Kabine zur Passkontrolle, noch ein schneller Stempel vom Zöllner – ganz ohne Gepäckkontrolle – und „Good bye!“. Nach „Registratia“ oder Zollpapier hat keiner gefragt. Bevor die sich das anders überlegen knattern wir zügig die paar Kilometer zum kasachischen Posten weiter…

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6 Gedanken zu “Russland: Durch Kalmückien zum Wolgadelta

  1. Hallo Ihr Weltenbummler,
    haben wieder gespannt eure Berichte gelesen und wären Liebsten dabei gewesen. Die 100 Dollar sind „jenseits von gut und böse“. Ist keine Relation zu dem Leben vor Ort,Uns ist die Abzocke leider auch schon in Polen und Tscheschei passiert. Da hat man null Chance. Hier waren heute auch über 30 Grad – so richtige Tropenluft. Lasst es euch gut gehen.Bleibt gesund. 🙂 Angela&Jörg

  2. Hallo Suse und Micha,
    Es gibt offensichtlich auch in Russland noch richtige Abenteuer zu erleben 😉 Das hört sich richtig spannend an.
    Ich glaube bei den Polizisten hätte ich die Protokoll-Variante gewählt. 6 Monate Fahrverbot oder US$1000 – damit haben sie den Bogen überspannt. Solche Strafen gibt es nirgends auf der Welt und ich hätte gern den Vorgesetzten von den Typen kennengelernt. Allerdings glaube ich nicht, dass es dazu gekommen wäre. Ich kann aber auch verstehen, dass ihr die sichere Variante und die schnelle Weiterreise gewählt habt.
    Bei uns geht es bisher alles sehr freundlich und friedlich ab. Wir können nur schöne und positive Dinge berichten und hoffen, dass es auch so bleibt!
    Viele Grüße aus Kuala Lumpur, wo es am Dienstag endlich weiter geht und am 13.7. der Flug nach Lombok in Indonesien ansteht.
    Ute & Eddy

  3. Hallo liebe Kinder,
    die russischen Polizisten sind ja ganz schön abgebrüht, 1000 US$ oder 6 Monate Fahrverbot, aber Ihr habt es richtig gemacht, auf der Straße habt Ihr da keine Chance, dagegen anzukommen. Erstmal müsst Ihr zahlen, auch wenn es weh tut und es gegen Euer Rechtsempfinden verstößt. Das mit der Telefonnummer „Stopp Korruption“ solltet Ihr zusammen mit einem Foto des Fahrzeugs nach der Zahlung versuchen. Es hat uns an die ersten Jahre hier in der Ukraine erinnert.
    Sonst waren wir von Eurem Bericht und den Fotos wieder mal sehr begeistert. Sani kam todmüde zu mir ins Zimmer, als ich von Eurem neuen Reisebericht erzählte war sie wieder hell wach. Angelika hat Recht, auch wir haben das Gefühl dabei zu sein wenn Ihr die schönen Seiten der wunderbaren Menschen erleben dürft.
    Wir wünschen Euch weiter eine erlebnisvolle Reise vor allen aber achtet auf Eure Gesundheit und ganz liebe Grüße von
    Sani und Hötzli

  4. Voller Spannung und mit großem Interesse haben wir euren letzten Bericht gelesen. Die 100 Dollar waren für uns sehr schockierend. Toll, dass ihr auf eurer Tour immer wieder auf so nette und hilfsbereite Menschen trefft. Eure Fotos lassen uns teilhaben an einer spannenden Reise, somit sind wir immer dabei.
    Liebe Grüße aus der Prignitz

  5. Liebe Susi, hallöchen Micha, viele Grüße aus der warmen Prignitz.
    Freuen uns, dass es euch und den Emmen gut geht und Micha so langsam den Sonnenbrand
    besiegt. Überwältigend was ihr alles erlebt und wir Daheim gebliebenen freuen uns schon über einen kleinen Segeltoern morgen auf dem Plauer See. So unterschiedlich sind die Tophighlights.
    Küsschen von Eva und Drücker von Heiko

  6. In Atyrau gibt’s am International Airport eine Reliefstatue mit den Bremer Stadtmusikanten.
    🙂
    Martin

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