Karnataka: Abschied vom Süden

Inder sitzen im Tata-LKW in Bangalore

Gokarna: Das Ohr der Kuh

15. Februar, acht Uhr morgens. Endlich schaffen wir den Absprung aus Arambol im Norden Goas. Das Faulsein hat ein Ende. In den letzten zehn Tagen im Touristenparadies raubte leider ein verseuchter Darm unsere ganze Lebensenergie. Nun ist es Zeit für den Aufbruch. In der letzten Nacht vor Abfahrt machen wir kaum ein Auge zu und überlegen, wie unser Reiseabenteuer weiter gehen soll. Noch fünfeinhalb Monate! Erst Nepal, dann Iran. Außerdem müssen wir durch die dünnen Wände dabei zuhören, wie unser Zimmernachbar sich die Galle aus dem Magen kotzt. Keiner bleibt verschont.
Ein letztes Frühstück im Ave Maria, dann ziehen wir die eingestaubten Stiefel an und treten den Kickstarter. Der Zweitakterqualm verteilt sich um uns. Spätestens in diesem Moment ist die Neugier auf Neues wieder spürbar und wir düsen auf den Mopeds südlich nach Karnataka davon. Am Nachmittag erreichen wir unsere letzte Station an der Westküste: Im Hindudorf Gokarna – übersetzt „Ohr der Kuh” – kaut das heilige Tier ungestört an den Überresten der gelb-orangefarbenen Blumenketten, mit denen die Hindus die Tempel und ihre Götter schmücken. Auf der ockersandigen Hauptstraße schlendern Einwohner, Pilger, Heilige und ein paar Touristen. Rechts und links verwandeln winzige Geschäfte und Restaurants die einfachen, muffigen Holzbaracken in eine bunte Ladenstraße. Es ist noch schwüler als sonst und der Schweiß durchnässt unsere T-Shirts.
Jedes dritte Haus in Gokarna scheint ein kleiner Tempel zu sein. Und seit Tagen kommen immer mehr Pilger in die heilige Küstenstadt, denn mit dem 18. Februar beginnt hier das jährliche Hindu-Festival Shivaratri – das Fest zu Ehren des Gottes Shiva. Eine halbe Million Menschen erwartet das Dorf. Höhepunkt ist ein Straßenumzug am 26. Februar, bei dem die Hindus überdimensionale Holzkarren, die alle Gebäude überragen, auf riesigen Rädern durch die Straße ziehen werden. Gleichzeitig werfen die Hindus Bananen als Glücksbringer. Auf einem Urwald begrünten Hügel im Dorf finden wir fernab des Trubels ein schönes Urlaubshäuschen. Von hier oben können wir die Festivalklänge vom Strand her hören. Als wir abends durch Gokarna wandern, treffen wir zufällig eine nette Reisebekanntschaft aus England wieder. John und Linda hatten uns damals in Pakistan/Lahore empfohlen, unbedingt nach Gokarna zu fahren. Und nun sitzen wir hier zu viert beim Abendessen und genießen Malai Kofta und Bananenlassi.
Mit jedem Tag wird Gokarna ein bisschen bunter und lebendiger. Obwohl ein Megaevent ins Haus steht, ist von Stress und Hektik aber nichts zu merken. Am Tage bessern die Gokarnaraner noch schnell die Straßenränder aus. In der Dämmerung malen Mädchen und Frauen Mandalas auf die Erde und Tempelpriester ziehen mit Trommeln und Trompeten durch die Straßen, um Opfergaben einzusammeln. Am Strand wurde eine große Bühne aufgebaut. Davor ein Dach, unter dem hunderte rote Plastikstühle für die Pilger bereitstehen. Eine provisorische Open-Air-Küche wird die Menschenmasse füttern. Männer schrauben jetzt noch abenteuerliche Karusselgestelle zusammen. Die mit Bambusrohren und Baumwolltüchern aufgereihten Verkaufsstände füllen sich nach und nach mit Waren: Armreifen, Sandalen, Blechgeschirr und heiß geliebter Plastikschnickschnack. Wir werden den Höhepunkt des Festivals leider nicht miterleben. Am 26. Februar fährt nämlich unser Zug aus Bangalore nach Norden und wir müssen Gokarna ein paar Tage vorher verlassen. Solange beobachten wir, was sich Tag für Tag verändert und genießen die heilige Atmosphäre.
Beim allmorgendlichen Kaffee auf der Terrasse tauschen wir Indiengeschichten mit Stefan aus. Er wohnt im Häuschen neben uns. Später fährt Micha zum Dorfbarbier und lässt sich für rund 30 Cent mit einer indischen Rasur verwöhnen. Der Barbier kneift Micha in die geschäumte Wange, zieht so die Haut glatt und setzt die scharfe Klinge an. Zum Abschluss wird gewässert, gecremt, gebürstet – das Gesicht glatt wie ein Babypopo.

Bangalore: Stadt der gekochten Bohnen

Good bye, Strand und Küste! Über die Shimoga-Hügel fahren wir auf der Landstraße 206 ins höher gelegene und kühlere Landesinnere. Vom Meer in die Großstadt Bangalore. Es ist eine schöne und erholsame Strecke, vorbei an den Joggfalls – mit 293 Metern Tiefe die größten Wasserfälle Indiens. Leider sind sie nur in der Monsunzeit imposant. Wir übernachten in Kadur und kommen am nächsten Tag in den von Baustellen verstopften Vororten von Bangalore an.
Bald stecken wir mittendrin im Großstadtdschungel. Der Anblick des chaotischen Verkehrs einer unbekannten Metropole schüchtert uns zum Glück nicht mehr ein. Vor ein paar Monaten hätten wir in diesem Moment noch an Herzrasen und Schweißausbrüchen gelitten. Wir wollen irgendwie in die Altstadt und müssen erstmal in die Nähe der City Train Station kommen. In Bangalore schwirren tausende gelb-schwarzer Tucktucks wie in Panik geratene Wespen mit uns durch die Straßen. Geduldig fragen wir uns bis zum City Market durch und beziehen etwa eine Stunde später in der O.T.C. Road ein Zimmer im überaus freundlichen Lucya Hotel.
Bangalore hieß einst Bengaluru – die Stadt der gekochten Bohnen. Die Legende besagt, dass im 16. Jahrhundert eine Frau einen verirrten, hungrigen König mit Bohnen versorgte. Heute ist Bangalore nicht mehr Stadt der Bohnen, sondern der Bits und Bytes. Eine zu schnell wachsende indische IT-Metropole mit derzeit sechs Millionen Einwohnern und westlich geprägtem Vorbild. Wir lassen die Emmen in den nächsten Tagen auf dem Hotelparkplatz ruhen und machen unsere leidlichen Erfahrungen mit den Tucktuckfahrern. Leider sind sie die einzige Möglichkeit, schnell von A nach B zu kommen, und ihre Strategien, selbst einheimische Fahrgäste zu bescheißen, sind vielfältig. Entweder ist das Taxometer angeblich kaputt, absichtlich falsch eingestellt oder es wird ein Umweg gemacht. Ohne vorher ausgehandelten Festpreis zahlt man den Gaunern so das Dreifache.
Das einzige Mal, dass der Rikschafahrer den offiziellen Preis verlangt, ist auf der Fahrt ins Mallya Hospital. Eben macht Micha noch Fotos von der Bedienung im Indian Coffee House in der Mahatma-Gandi-Road, und im nächsten Moment verliert er dank Darmkoliken das Bewusstsein. Dr. Susheela Suresh diagnostiziert Amöbenbefall und verschreibt Micha endlich die richtige Tablettenkur. Damit hat die Krankheitsserie hoffentlich ein Ende.

Eines Nachmittags besuchen wir Viswa und seinen Kumpel in deren neuem 70-Quadratmeter-Apartment in der City. Wir hatten Viswa in Malvan kennen gelernt. Er verdient sein Geld als Architekturfotograf. Nur so kann er sich die rund 220 Euro Luxus-Miete im Monat leisten. Das stolze Zentrum um Mahatma-Gandhi-Road und Brigade-Road entpuppt sich als westlich orientierte Konsummeile: Levis, Nokia, McDonalds, Edelnutten und Co. Zwischen leuchtenden Reklameschildern versteckt sich immerhin noch eine uralte Rockmusik-Bar, in die uns Viswa auf ein Bier mitnimmt. Eine Ratte läuft ungestört an der dunklen Wand hin und her, während wir Gezapftes trinken. Sie gehört wahrscheinlich zum Inventar, wie das Plakat von Frank Zappa. Übrigens ist das der erste Barbesuch auf unserer Reise. Mal sehen, ob diese Kneipe den Stadtwandel überlebt. Das legendäre Indian Coffee Haus um die Ecke muss in drei Monaten leider einem weiteren neuen Geschäftshaus weichen. In Chickpet (siehe Fotos in schwarz-weiß) – die Altstadtgegend um unser Hotel – tobt dagegen das traditionelle Basarleben. Eine ganze Straße widmet sich dem Verkauf von Stoffen und Saris, in einer anderen werden Mengen an Bananenstauden von Ochsenkarren verladen und an Händler weiterverkauft. Der Weg durch die lauten Straßen Chickpets ist spannend aber keineswegs entspannend.

Von Süd nach Nord: Abfahrt um 19:35 Uhr

Am 26. Februar 2009 um 19:35 Uhr fährt unser Zug vom Bangalore-Bahnhof Yeshwantphur nach Howrah/Kalkutta. Zweitausend Kilometer in 37 Stunden. Wir gönnen uns einen Platz im klimatisierten Schlafwagen. Die Emmen sollen auf denselben Zug verladen werden.

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6 Gedanken zu “Karnataka: Abschied vom Süden

  1. Sorry Susi, daß ich dich übersehen habe- ich glaube, eine neue Brille ist wohl mal wieder fällig. Vielleicht sollte ich mir angewöhnen, die Bilder erst immer in Großformat zu betrachten, bevor mir wieder so ein Schnitzer passiert. Und was sagt Heiko dazu? Das war bestimmt der letzte blinde Kommentar von Eva- ich werde die Kommentare ab jetzt immer kontrollieren. Trotz allem: Gemeinsame Grüße von uns beiden.

  2. Danke fuer den Tipp, Martin! Und danke fuer Eurer Mitgefuehl! Das Essen ist meistens echt lecker und die Amoeben schmeckt man gar nicht 🙂 Uebrigens, liebe Tante Eva: Hab ich mich so veraendert? Drei Fotos mit mir sind doch dabei… Lieben Gruss an alle aus Kalkutta – Micha und Suse

  3. Hallo, ihr zwei, lustig, wie sich Micha innerhalb des Artikels verändert: Angespannt auf dem Friseurstuhl- total entspannt ins Visnas Armen. Nur Fotos von Susi vermisse ich- aber bei den ausführlichen Berichten bleibt ja wohl kaum Zeit zum Posieren. Bin gespannt, was ihr über den Howrah-Express berichten könnt. Bis dann. Umarme euch. Tante Eva
    P.S. Heiko drückt euch in Gedanken auch ganz doll

  4. Nun ja, ich hoffe mal, dass da bei den bites der Dreckfeuhlertufel wieder mal zugeschlagen hat und es eher die Stadt der Bytes ist. Oder sollte da tatsächlich irgendwas Micha gebissen haben???
    In und um Hamburg grassieren derzeit die Masern. An hässlichen Krankheiten anstecken kann man sich auch in Mitteleuropa.
    Oder wie sagt der Globetrotter? If life gets boring, risk it!
    Ihr macht das schon! Hauptsache, der Expresszug macht keinen Geschwindigkeitsrausch 😉
    Beste Grüße aus dem frühlingsahnenden Hamburg
    Martin

  5. Hallo Ihr Zwei,
    ich würde sagen mal wieder ein Zwiebelrostbraten mit Spätzle und Soss, dann klappts auch wieder mit der Verdauung……. Ums Essen beneide ich Euch sicher nicht, aber irgendwas müsst Ihr halt in Euch reinzwängen.
    Weiterhin viel, viel Spass
    Grüßle
    Fränky

  6. Hallo Micha,

    Gute Besserung!! Die Toilette im Zug wird kein besonderer Trost sein, vielleicht ein Ansporn zur Gesundung.

    Gruß janus

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