In den heiligen Bergen von Nordindien

McLeod Ganj: Gesegnete MZ © emmenreiter.de

McLeod Ganj: Gesegnete MZ © emmenreiter.de

McLeod Ganj: Auf der Suche nach dem Dalai Lama

14. November. Wie immer scheint die Sonne und es ist angenehm warm. Auf der Landkarte haben wir die Route nach McLeod Ganj nahe Dharamsala markiert. In diesem Dorf in den grünen, klaren Bergen Nordindiens lebt und regiert Tenzin Gyatso – der vierzehnte Dalai Lama – zusammen mit zigtausenden anderen Exiltibetern. In den letzten fünfzig Jahren, seit das Exil besteht, hat sich McLeod Ganj zum Zentrum der buddhistischen Lehre und tibetischen Kultur entwickelt. Und natürlich auch zu einem Pilgerort für Touristen aus der ganzen Welt.
Seit unserer Abfahrt nahe Amritsar nimmt der Chaosverkehr durch die Städte und auf der Landstraße immer mehr ab. Nach etwa vier Stunden düsen wir nur noch auf wenig befahrenen Kurven durch die Berge, die am Horizont von Nebel umgeben sind. Kurz vor Dharamsala beginnt eine schmale, steile Serpentinenstraße, auf der wir uns langsam nach oben winden. Nach zehn Kilometern Kurvenfahrt hinter Dharamsala kommen wir gegen fünf Uhr nachmittags in McLeod Ganj – auch Upper Dharamsala genannt – an: ein Ort mit engen Gassen, vielen kleinen Hotels, Restaurants, diversen Läden und Internetcafès. Hier hat man sich auf Besucher Seiner Heiligkeit eingestellt. Dem Gefühl nach haben wir Indien schon wieder verlassen. Buddhistische Mönche in weinroten Roben, Gebetsfahnen am Berghang und auf den Dächern sowie tibetische Gesichter auf der Straße vermitteln uns mal wieder ein ganz neues Flair. Wir sind im anderen Tibet. In dem bunten Hausschilderwald finden wir zum Glück schnell das kleine Green Hotel, in dem wir ein paar Tage wohnen werden. Wir bekommen das letzte freie Zimmer – schön hell, mit Blick über Dächer und Tal. Und trotz wenig Platz in der schmalen Gasse dürfen wir auch die beiden Motorräder dicht an der Hauswand des Hotels parken.

Ein Besuch im Tibetischen Delek Hospital

Micha geht es schon den ganzen Tag nicht gut und er ist froh, endlich Ruhe zu haben. Weil er hohes Fieber hat, fahren wir sicherheitshalber gleich noch mit dem Taxi ins nahe gelegene Tibetische Delek Krankenhaus. Das kleine Hospital ist keine westliche, weiß geflieste Klinik, macht aber einen passablen Eindruck. Ein junger tibetischer Mann und eine Krankenschwester untersuchen Micha sofort. Der Arzt schlägt vor, morgen ein paar Tests zu machen. Er vermutet nichts Ernstes, aber ein Malaria- und Parasitentest können nicht schaden. Am nächsten Morgen werden wir erst einmal unsanft durch ein Geräusch neben unserem Bett geweckt. Ein Resusaffe hat sich durch die offene Balkontür in unser Zimmer geschlichen und einen Tetrapack O-Saft vom Nachtisch geschnappt. Auf seiner Flucht sind ein paar Sachen vom heruntergefallen. Wir sitzen aufgeschreckt im Bett und sind froh, dass es nur der Saft ist, der jetzt verschwunden ist. Es sollte nicht der letzte Diebstahl gewesen sein. Ein paar Tage später holen sie sich zu zweit vor unseren Augen das Obst von unserem Bett.
Mit einer Stuhlprobe in der Tasche fahren wir an diesem Vormittag also noch mal in die Krankenstation. Auf dem Weg dorthin stehen überall tibetische Mönche, Einheimische und Touristen am Straßenrand. Der Taxifahrer erzählt uns, dass sie auf Seine Heiligkeit warten. Der Dalai Lama kommt nämlich irgendwann heute von seiner Japanreise nach McLeod Ganj zurück. Schon wieder ein toller Zufall, freuen wir uns. Den Dalai Lama vielleicht persönlich zu sehen, und dann auch noch an dem Ort, von wo aus er seit 1959 als buddhistisches Oberhaupt im Exil Tibet regiert, wäre ein echter Glücksfall.

Ein heiliger Augenblick: Wir erblicken den Dalai Lama

Als wir am Hospital ankommen, stehen die Schwestern und Ärzte des Krankenhauses ebenfalls wartend am Straßenrand. Wir gesellen uns dazu. Nach kurzem Warten macht sich Unruhe breit. Ein Polizist hält jetzt den schmalen Weg frei. Kommt der Dalai Lama? Plötzlich sehen wir einen Konvoi aus Geländewagen die kleine Straße hoch kommen. Alle verbeugen sich ergeben. Und da, im dritten oder vierten Wagen, sitzt er vorne auf dem Beifahrersitz hinter verschlossenem Fenster und hebt lächelnd seine Hand. Der Konvoi fährt zügig. Nach wenigen Sekunden ist alles vorbei. Doch das Gefühl des kurzen Blickes auf diesen charismatischen Mann hält noch eine Weile an. Für ein Foto gab es leider keine Chance, der Moment wird in uns festgehalten.
Wir gehen mit dem Personal die Treppe hoch, hinein ins Krankenhaus. Die sofortigen Tests im kleinen Labor geben erst einmal Entwarnung. Wahrscheinlich kämpft Micha gegen irgendeinen indischen Virusinfekt an, der mit Paracetamol und Bettruhe ausgestanden werden muss. Die Krankenversicherung einzuschalten, lohnt sich übrigens nicht. Die Untersuchung und Labortests kosten in der Summe nur ein paar Euro. Wir warten ab, ob das Fieber verschwindet. Micha fühlt sich schlapp und hat Kopfschmerzen. Während er sich ausruht, geselle ich mich mit Büchern oder Laptop zu ihm. Als das Fieber am fünften Tag trotz Tabletten immer noch nicht weg ist und Micha immer schwächer wird, steigen wir auf medizinischen Rat aus Deutschland hin auf Novamin um. Danach geht es Micha sichtlich besser und das Fieber verschwindet bald.

Buddhistischer Frieden

In so einer friedlichen Umgebung wie McLeod Ganj können wir uns beide richtig gut erholen und die Seele baumeln lassen. Wir gehen fast jeden Tag gemeinsam auf die sonnige Terrasse von Nicks Italian Restaurant. Dort gibt es wunderbare, frisch zubereitete Pastagerichte, Gemüsesuppen, leckeres Bauernfrühstück und selbst gebackenen Schokokuchen. Ein unfassbares Schlemmerparadies und endlich mal bekannter Stoff für unsere oft geforderte Verdauung. Sobald ab etwa halb sechs die wärmende Sonne untergeht, wird es sehr kühl draußen. Wir ziehen uns dann meistens recht bald mit einer Kerze und einem Buch ins Bett zurück. Soviel Erholung wie hier hatten wir noch gar nicht, aber Michas hat sie wirklich gebraucht.
Die Tage in McLeod Ganj vergehen. Es ist der 23. November 2008 und wir müssen unseren Plan, noch in diesem Monat bis nach Nepal zu fahren, leider ändern. Wenn wir im Januar die Südwestküste Indiens in Ruhe erreichen wollen, reicht die Zeit für einen Abstecher nach Nepal nicht aus. Das könnten wir dann ab Mitte Februar nachholen, wenn wieder gutes Reisewetter im Himalaja ist. Bevor wir das andere Tibet verlassen, besuchen wir noch den Tsuglagkhang Tempelkomplex – die offizielle Wohnstätte des Dalai Lama. Im daneben liegenden Tibet Museum setzen wir uns noch einmal mit der Situation auseinander, dass Tibet einen friedlichen, aber sehr harten Kampf gegen die Chinesische Regierung kämpft. Während wir hier sind, findet in Dharamsala eine wichtige, mehrtägige Konferenz zu diesem Thema statt, auf der die Exil-Tibeter beraten, wie sie mit den zunehmenden Repressionen der Chinesen in Zukunft umgehen sollen.
Ein Aushang am Sekretariatsgebäude verkündet, in welchen Schritten sich um eine Privataudienz beim Dalai Lama beworben werden kann. Bei einer solch außergewöhnlichen Begegnung würden uns mit Sicherheit viele Fragen an Seine Heiligkeit einfallen, aber wir finden, dass wir einer persönlichen Audienz nicht wirklich würdig sind (auch wenn wir es auf der MZ ETZ 250 bis hierher geschafft haben). Ab dem 25. November machen wir uns auf den langen, spannenden Weg bis an die Küste im Südwesten Indiens – vorbei an Dehli, Bombay und Goa.

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7 Gedanken zu “In den heiligen Bergen von Nordindien

  1. Danke für die Nachricht.
    Selbst wenn die Landestracht nicht wirklich motorradtauglich ist, kann vielleicht gelegentlich ein wenig Tarnung nichts schaden. Es sei denn, man tritt in Indien als Pakistani auf. Das kommt auch nicht unbedingt so gut an.
    Ich bleibe dabei: Möge euch das Glück weiter treu bleiben!!!
    Ich drücke weiter alle Daumen!
    Martin

  2. Ich freue mich sehr von Euch zu lesen. Seid vorsichtig! Von Statur und Hautfarbe her seid Ihr potentielle Opfer.

    Gruß janus

  3. Namaste!!!
    Micha geht es wieder blendend. Sind beide nur etwas k.o. vom vielen Kurvenfahren in den letzten Tagen. Nordindien hat tolle Berge, aber man kommt nach 6-8 Stunden im Sattel nur hoechsten 200 km voran. Ein Seitenwagenritzel haben wir uebrigens schon seit Usbekistan eingebaut, sonst haetten wir Pamir und Himalaja nicht geschafft… Trotzdem danke fuer den Tipp!

    Wir sind heute in Rishikesh – Yogawelthauptstadt – angekommen. Haben die Nachricht aus Bombay vorhin gehoert. Schade, dass sowas auch in Indien nicht ausbleibt. Wir wollen die Grossstaedte nach Moeglichkeit sowieso umfahren. Keine Sorge!

    Der Verkehr in Indien verlangt auf jeden Fall genauso viel Aufmerksamkeit, aber wir sind mittlerweile ziemlich gut darin. Die Hupe der MZ haelt super durch: Soviele Toene wie in den letzten drei Wochen hat sie in ihren ganzen zwanzig Lebensjahren nicht von sich gegeben.

    Ommm, Micha und Suse

  4. Hallo Ihr zwei,
    in Bombay gehts ja gerade richtig ab – könnte relativ gefährlich werden für Euch. Größere Ansammlungen würde ich meiden.
    SEID BITTE VORSICHTIG UND HANDELT ÜBERLEGT!!
    Gruss
    Fränky

  5. Hallo Ihr Zwei,
    hoffentlich gehts Micha wieder gut. Bei uns hier ists mittlerweile Winter und ich habe die ersten Schneefahrten mit meiner Emme schon hinter mir.
    Passt auf die heiligen Kühe auf (die vierbeinigen, nicht die Zweiräderigen!) und grüßt die Enfieldfahrer.
    Lasst gemütlich angehen BON ROUTE in Indien
    Grüßle
    Fränky

  6. Tja, so ist das mit den Infekten. Je kleiner die Erreger sind, umso gemeiner!
    Ist schon schön, wenn man sich auf eine funktionierende ärztliche Versorgung verlassen kann – und sei es über Fern-Kommunikation. Nicht umsonst ist ja auch die funkärztliche Beratung auch eine der wirklich wichtigen Funktionen des Seefunks.
    Mögen euch Montezumas Rache und die anderen kleinen Unpässlichkeiten der Fernreisen verschonen!
    Aber es ist schon recht, wenn ihr nicht nur an eure Emmen, sondern auch mal an euch denkt.
    Gute Reise durch Indien und habt’s gut!
    Martin

  7. Hallo Suse und Michael,

    jetzt hilft es auch nicht mehr übern Berg. Nachträglich: Ein Seitenwagenritzel! Hätte das Schieben erspart?
    Vieleich rettet ihr inneren Frieden aus dieser Begegnung ins normale Leben. Dann hat es sich gelohnt.

    Gruß janus

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