Nie wieder China (mit eigenem Fahrzeug)

Führerschein für China

Drei Tage lang gültig: Unser chinesischer Führerschein © emmenreiter.de

Wie ätzend

An unserem letzten Abend in China falle ich nach zehn Stunden auf der Emme erledigt auf`s harte Hotelbett in Tashkurgan. „Wie soll ich nachher bloß unsere Woche in China beschreiben?“ denke ich laut. „Schreib ruhig, wie ätzend es ist!“ platzt es aus Micha heraus.

„Today they changed the rules.“

Torugartpass, 1. September, 10:54 Uhr. Unser uigurischer Begleiter Abdul wartet bereits am chinesischen Grenztor, als wir pünktlich dort anhalten. „Nice to see you again“, begrüßt er uns zügig und verschwindet bald in seinem Wagen mit Fahrer. Wir fahren ihm brav hinterher – sechs Kilometer bis zum ersten Checkposten, wo junge Soldaten Papiere und unser Gepäck kontrollieren. Nach rund 70 Kilometern entlang an dunklen Bergen dann ein zweiter Checkposten. „Please show them your passports.“, bittet uns Abdul. 35 Kilometer später halten wir dann vor einem Gelände an, auf dem die eigentliche Grenzabfertigung stattfindet. Abdul lässt uns stehen und schweigt. Nach etwa einer Stunde tut sich etwas. Die Herren der Quarantäne haben ihre Mittagspause beendet und setzen nun einen lustigen Automaten auf unsere Motorräder an. Nachdem sie mit einer wasserähnlichen Flüssigkeit betröpfelt wurden, dürfen wir etwa hundert Meter bis auf das eingezäunte Gelände der Immigration weiter rollen. Der soeben ausgestellte Quarantänezettel ist die Eintrittskarte.
Als wir das Immigrationsgebäude betreten, hält uns eine Uniformierte ein Fieberthermometer zwischen die Augen. Unsere Pässe werden gescannt und die Visa abgestempelt. Ein Zöllner durchwühlt nochmals unsere Taschen. „Sind wir fertig hier?“ fragen wir Abdul hoffnungsvoll, der nur mit uns spricht, wenn wir ihn etwas fragen oder etwas von uns verlangt wird. „Today they changed the rules,“ sagt er. Das hört sich nicht gut an. Ausländische Motorräder müssten an der Grenze ab sofort nochmals fotografiert werden, erklärt Abdul. Erst dann dürfe der Zoll sie freigeben. Dass es dafür heute Nachmittag schon zu spät ist, war natürlich klar. Der Zoll zwingt uns, die Emmen kostenpflichtig auf dem Gelände abzustellen. Wir stopfen möglichst viel Gepäck in unseren Begleitwagen und fahren darin zusammen nach Kashgar. Nur noch 60 Kilometer trennen uns vom Hotel. Bevor wir endlich dort ankommen, stehen wir am Stadtrand noch über zwei Stunden lang im Stau. Abdul macht sich gar nicht erst die Mühe, uns zu erklären, das jedes Fahrzeug, das nach Kashgar einfahren will, durch eine Sicherheitskontrolle muss.

Ankunft in Kashgar City

Kashgar ist nach wie vor mehrheitlich von Uiguren bewohnt – eine muslimische Volksgruppe mit mongolischem und türkischem Hintergrund. Allerdings werden ihre ursprünglichen Stadtgebiete im Auftrag der chinesischen Regierung seit Jahren abgerissen, um Hochhäuser zu errichten. An den Straßenrändern stehen alte, mit Schnitzereien verzierte Holztüren und Fensterrahmen, die aus den staubigen Ruinen gerettet wurden.
Unser Wagen fährt auf langen, dreispurigen Straßen immer weiter in die Stadt hinein. Große chinesische Schriftzeichen prangen an unschönen Neubauten. Die berühmte Seidenstraßenstätte ist in den letzten Jahren planmäßig zu einer City herangewachsen, die an großen Kreuzungen von Panzern und Soldaten mit Maschinengewehren im Anschlag überwacht wird. An jeder Ecke entdecken wir eine Videokamera.
Als wir am Hotel aussteigen, verschwindet die Sonne langsam hinter den hohen Häusern. Uns strömen leckere Gerüche von Gewürzen und Essen in die Nase. Wir sind froh, dass kleine Krämerläden, Gemüsestände und Garküchen noch nicht vollständig verdrängt wurden.

Geburtstag auf dem Viehmarkt

Am nächsten Tag befreien wir nach langem Warten auf irgendwelche Zettel endlich unsere Motorräder aus dem Zoll. Danach lässt uns Begleiter Abdul erst einmal in Ruhe, denn die chinesischen Behörden gehen ins Wochenende.
Am Sonntag hat Micha Geburtstag und wir machen einen Ausflug zum berühmten Viehmarkt, wie ihn die Uiguren seit weit über tausend Jahren stattfinden lassen. Der Platz dafür befindet sich am nordöstlichen Rand von Kashgar. Es ist ein sonniger und herrlicher Vormittag – voller Gewusel und Staub, röhrenden Kamelen, riesigen Yaks, meckernden Ziegen, blökenden Schafen und schnaubenden Ochsen. Wir beobachten die in schwarz-weiß gekleideten Männer mit ihren viereckigen Kappen auf dem Kopf beim Handeln und müssen ordentlich aufpassen, dass wir nicht in die Scheiße treten oder von Hörnern angestupst werden. Am Rande des Geschehens hängt frisch geschlachtetes Vieh zum Verkauf aus. Wir hören die funkenden Schleifsteine, auf denen die Fleischer ihre Messer schärfen lassen. Dazwischen steigt der Dampf aus dunklen Garküchen in den Himmel. An den kleinen Holztischen stärken sich die Männer nach einem hoffentlich guten Viehgeschäft mit gebratenen Fleischspießen, gefüllten Teigtaschen oder ihrem Leibgericht Laghman. „Genau so hab ich mir das vorgestellt!“ freut sich Micha über die volle Dosis Alltagskultur und verschwindet mit der Fotokamera für eine Weile zwischen den Kamelen und Yaks.

Laminiertes Souvenir

Montagmorgen. Sieben Uhr. Ein Klopfen reißt uns beide aus dem Schlaf. Vor der Zimmertür stehen ein junger Uigure und ein junger Chinese: „Good morning, Mister. We need to pick up your driving permits.“ Abdul hat sie geschickt und uns nicht vorgewarnt.
Nicht gerade gut gelaunt ziehen wir uns an und steigen auf die Motorräder. Dann folgen wir dem Auto, das uns fast fünfzig Kilometer in irgendeine Kleinstadt entführt. Wir halten auf einem Hof, der einer Hinterhofwerkstatt ähnelt. Hier prüft irgendwer mal wieder die Daten unserer Motorräder. Erst  heißt es warten. Dann heißt es weiterfahren – zum nächsten Verwaltungskomplex. Dann wieder warten – draußen in der heißen Sonne. Hoffentlich erledigt sich der Papierkram noch vor der amtlichen Mittagspause.
Der junge Chinese kommt nach einer weiteren Stunde mit einem Umschlag aus der Behörde zurück. Erleichtert überreicht er uns zwei chinesische Nummernschilder und Führerscheine – so viel Aufwand für ein laminiertes Souvenir, das gerade mal drei Tage gültig ist. Eine Woche China hat uns dank des bürokratischen Wahnsinns übrigens fast halb so viel gekostet wie die ganze bisherige Reise (20 Wochen).

Tashkurgan: Nur noch einmal schlafen

Wir sind in Tashkurgan – dem letzten Ort vor dem Khunjerabpass, der uns nach Pakistan führt. Über zehn Stunden lang waren wir heute für nicht mal 300 Kilometer von Kashgar bis hierher unterwegs. Da der Karakorum-Highway auf chinesischer Seite momentan erneuert wird, sind wir 70 Kilometer lang abwechselnd über eine staubige und modderige Offroadpiste geeiert. An vier  Kontrollstationen mussten wir uns in die Warteschlange einreihen. Irgendwann hat man einfach keinen Bock mehr. Als wir am frühen Abend in Tashkurgan ankommen, erkenne ich diesen Ort nicht wieder. Vor acht Jahren war da ein kleines Städtchen in der schönen Landschaft des Karakorumgebirges, bewohnt von Tadschiken in traditioneller Kleidung. Es gab nur ein einziges Hotel. Heute nähern wir uns dem Ort, der einst durch eine alte, hohe Steinmauer eingegrenzt war, auf neuen und viel zu breiten Straßen. Wir passieren abstoßende Gebäude aus Beton und sind enttäuscht – die Chinesen haben Tashkurgan zu einer geschmacklosen Stadt verschandelt. Die alte Seidenstraße wurde gnadenlos weg asphaltiert. „Morgen sind wir endlich in Pakistan“, nuschel ich erleichtert vor mich hin und schlafe nach dem zähen Emmenritt sofort ein.
Bevor wir China am nächsten Morgen endlich verlassen dürfen, müssen wir auf dem Grenzgelände in Tashkurgan noch eine letzte Gepäckkontrolle über uns ergehen lassen. Danach warten wir draußen auf dem großen, heißen Betonhof darauf, dass wir zusammen mit mehreren pakistanischen Bussen die Stadt im Konvoi verlassen dürfen. Erst als alle Passagiere ihre unzähligen Koffer, Kartons, Säcke, riesigen Gepäckbündel und sogar ein Moped von außen und innen am Bus verstaut und verzurrt haben, händigt uns der Grenzbeamte endlich unsere Pässe aus. Da wir und ein paar andere Fahrzeuge noch an der Tankstelle halten müssen, kommt der Konvoi bereits nach wenigen Minuten ins Stocken und löst sich auf. Mit uns wartet eine große Traube einheimischer Autos und Motorräder darauf, die Tanksäulen anzufahren, die in Westchina mit einer Schranke amtlich bewacht werden. Motorräder dürfen sich dem Zapfhahn nur bis auf einige Meter nähern. Das Benzin muss in eine Metallkanne gefüllt und zum Motorrad getragen werden.
Die wartende Menge wird langsam unruhig. Einige Motorräder fangen an, die Schranke zu umfahren. Wir fahren hinterher und mischen uns ins Chaos. Menschen mit Kanistern bedrängen den Tankwart. Mangels Metallkannen bringen wir unseren eigenen Kanister an die Zapfsäule und schupsen mit. „Kanister aus Kunststoff seien verboten“, weist uns der Tankwart zurück, als wir endlich an der Reihe sind. Wir sind kurz davor, auszuflippen. Wir wollen doch nur Benzin und dann weg hier.
Ein alter Mann leiht uns seinen Metallkanister. Endlich vollgetankt hält uns nichts mehr auf. Mit Karacho treiben wir unsere Emmen hinauf auf die höchste Landesgrenze der Welt. Eine letzte chinesische Absperrung blockiert den Weg in die Freiheit – nur noch wenige Zentimeter bis  Pakistan. Der chinesische Soldat will tatsächlich nochmal unsere Papiere kontrollieren – das vierte Mal heute. „Ich schwör` dir: Wenn der jetzt verlangt, dass ich absteige, geb` ich Vollgas“, kocht es in mir. Als wir durchgewunken werden, höre ich Michas Freudenschrei durch die kalte, dünne Höhenluft hallen: „Pakistan Sindabad!“ – Hoch lebe Pakistan!

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