Bangalore – Kalkutta: 37 Stunden im Howrah-Express

Im Howrah-Express Indien 2009

Zu viert auf der Schiene

Als die Packer am Bahnsteig in Bangalore unsere beiden Motorräder sehen, geraten sie in Unruhe: zu breit! Indische Motorräder haben keine Koffer! Ich gucke auf die Verladetafel, wo steht, was die Mitnahme von bestimmter Zugfracht kostet. Neben Motorrädern sind da auch Elefanten notiert. Nach einer kurzen Diskussion geht’s dann plötzlich sehr schnell. Als wir die Motorräder noch zum Einladen verabschieden wollen, fängt ein einheimischer Passagier vor unseren Augen an, sich mit für Indien ungewöhnlich großen Gesten und impulsivem Geschrei beim Manager des Frachtbüros über die Verladung zu beschweren. Scheinbar hat er Angst um seine eigene Fracht, als er unsere überbreiten Maschinchen sieht. Dem Gesicht des Verladechefs entnehmen wir, dass er ein Problem hat: Wir hätten ihm früher mitteilen sollen, dass die Motorräder dreimal so breit sind wie indische! Wir machen ihm sofort klar, dass wir die Motorräder auf keinen Fall in einem späteren Zug nachschicken lassen können. Unsere imaginären Motorradfreunde würden bereits in Kalkutta auf uns und die Ausreise nach Nepal warten! Micha schiebt die Mopeds mit den hilfsbereiten Packern schnell auf den Bahnsteig zum letzten Wagon. Der panische Passagier folgte ihnen und unter heftiger Diskussion mit den Packern, die um Haaresbreite in eine Schlägerei ausgeartet wäre, war mit ein paar Handgriffen alles verstaut. Die Motorräder sind eingequetscht unter und zwischen Kisten und Paketen im hintersten Wagon des Howrah-Express´. Die Wallahs hatten keine Zeit mehr, sie wie alle anderen mitreisenden Motorräder mit Stroh zu polstern und in Sackstoff einzunähen. Wir sind froh, dass die Mopeds überhaupt noch einen Platz gefunden haben im Zug mit der Nummer 2864 – der Howrah-Express nach Kalkutta.

2AC: Im Genuss von erstklassigem Service

Verschwitzt vom Hin-und-her auf dem Bahnsteig sitzen wir nun im klimatisierten Wagon der Klasse 2AC. Der Zug rollt pünktlich an. Um uns herum haben sich Inder platziert, die sich das bessere Ticket leisten können. Unsere Zugfahrt wird kein Abenteuer. Das würde es vielleicht im billigsten und stickigen Sleeper-Wagen sein, wo die Armen reisen. Der Zug der Indian Railway – ein unverkennbares Abbild der indischen Klassen.
Kaum haben sich die Räder in Bewegung gesetzt, beginnt auch schon der erste Teil einer unerwarteten Serviceserie: Der Tee-Mann ruft durch die Reihen. Fünf Minuten später nimmt der Dinner-Mann Bestellungen fürs Abendessen auf. Dann folgt der Bettwäsche-Handtuch-Mann, der Süßigkeiten-Mann, wieder der Tee-Mann, der Kaltgetränke-Mann und kurz vor Nachtruhe der Rosenduft-Mann, der die blauen Vorhänge vor den Schlafliegen befeuchtet und nach Wunsch auch Moskitogift versprüht. Langeweile kommt nicht auf. Wir machen es uns auf den Doppelstockliegen gemütlich und verbringen eine gute Nacht im schunkelnden Express. Um halb acht am nächsten Morgen kommt der Frühstück-Mann, danach der Mülleinsammler, der Fensterputzer und mittags der Lunch-Mann, der Eis-Mann, der Joghurt-Mann und so weiter.
Nach 37 Stunden und 2000 Kilometern auf indischen Gleisen steigen wir am 28. Februar um halb neun Uhr morgens erwartungsvoll am großen Bahnhof in Kalkutta bzw. Howrah auf den Bahnsteig. Zu unserer freudigen Verwunderung stehen die Emmen bereits unbeschadet zwischen Paketstapeln auf dem Bahnhof und warten auf “Mama und Papa”. Die Zugreise war eine bequeme und unvergessliche Abwechslung zum Ritt auf der Emme. Ausgeschlafen und mutig machen wir die ersten Schritte ins Abenteuer Kalkutta…

Kalkutta: Inder und Kolonialbauten im Kampf ums Überleben

Indischer kann es nicht sein! Kalkutta ist ein Erlebnis für sich: Menschen, Geräusche, Gerüche durchdringen die Gegend um den Howrah-Bahnhof auf der Westseite des Hugli-Flusses und wandern über die monströse Howrah-Brücke bis in die breiten Kolonialstraßen auf der anderen Seite der zweitgrößten indischen Stadt. Die feinen alten Häuser aus britischen Herrschaftszeiten, die bspw. die Mahatma-Gandhi-Road bilden, wurden irgendwann zu billigen Unterkünften für die explodierende und verarmte Stadtbevölkerung. Nach dem Indien-Pakistan-Krieg in den siebziger Jahren hatte die Kommunistische Partei niedrige Mieten vorgeschrieben und den Grundstückseigentümern das Interesse an dem Erhalt der Häuser genommen. Zusammen mit ihren Bewohnern kämpfen die heruntergekommenen Straßenzüge heute in manchen Vierteln Kalkuttas ums Überleben.

Um den Howrah-Bahnhof: Stimulation aller Sinne

Im alten Howrah-Hotel, in einer kleinen Kopfsteinpflasterstraße fünf Minuten Fussweg vom Bahnhof, haben wir das Gefühl, in einem Museum zu wohnen. Wie viele Kalkutta-Reisende haben wohl in der von der Zeit gezeichneten Gästekammer im dritten Stock schon gewohnt? Das Haus ist hundertdreißig Jahre alt. Wir drehen den Schlüssel mit der Zimmernummer 30 im rostigen Vorhängeschloss. Hinter undichten, groben Holzdoppeltüren treten wir auf schwarz-weiß karierten Marmorboden, an der Wand ein bunter Antikfliesenspiegel. Wir öffnen die schweren Fensterläden und lassen die Morgensonne rein. Über dem einfachen Holzbett verteilt der Ventilator den Großstadtstaub durch die schwülheiße Luft. Das Zimmer gibt uns das Gefühl, mittendrin zu sein in der einstigen Kolonialhauptstadt.
Über das verzierte Eisengeländer im Laubengang vor unserer Tür blicken wir auf einen mittelalterlichen Gemüsemarkt. Der Gemüsebasar ist ohne Zweifel Mittelpunkt indischen Daseins. Von früh bis spät Gewusel und laute Stimmen. Zu beobachten wie ein geschäftiger Ameisenhaufen. Am Brunnen wird pausenlos Wasser per Hand an die Oberfläche gepumpt und in Eimern auf dem Schulterholz barfuß zum Markt geschleppt. Gerüche aus den Straßenküchen unter uns steigen nach oben.
Als wir abends die Schleichwege im nie ruhenden Viertel um den Howrah-Bahnhof durchstreifen, stinkt es in den Ecken abwechselnd nach Fisch, altem Gemüse, Urin und Straßenstaub. In welchem Jahrhundert sind wir hier gelandet? Um den Bahnhof kreisen dunkelgelbe Ambassador Oldtimer-Taxis und rumpelige Stadtbusmonster. Deren Dieselmotoren und pausenloses Hupen dröhnen zusammen mit knatternden, schäbigen Zweitaktrikschas um die Wette. Die Stadt versprüht ihren ganzen Charme. Ein Abenteuer für alle Sinne.

Kalkutta, Kalkutta

In den nächsten paar Tagen fahren wir mal mit dem dunkelgelben Taxi, mal mit der Metro und dem Stadtbus durch die Straßen oder setzen mit der Fähre ans andere Ufer über. Wir besuchen den Blumenmarkt und den historischen Kalitempel, der Kalkutta seinen Namen gab. Er ist der älteste und größte Kalitempel in Indien und ständig besucht von Pilgern, die hier jeden Vormittag Ziegenböcke an der Guillotine opfern. Um den Tempel drängen kahlköpfige Hindufrauen, die gerade ihre Haarpracht geopfert haben – ein ungewöhnlicher Anblick. Leider ist fotografieren nicht erlaubt.
Am vorletzten Abend wollen wir uns den gerade Oskar prämierten Film Slumdog Millionär ansehen, über den tagelang in allen indischen Medien berichtet wurde. Der Film erzählt die Geschichte eines Slum-Jungen aus Mumbai, der in einer Fernsehquizshow zum Millionär wird. Wir verfransen uns in den Straßen Kalkuttas und kommen leider erst an, als der Film schon eine halbe Stunde läuft. Zu spät.
Um dem lärmenden Straßengewusel zu entkommen, flüchten wir am letzten Tag ins Indische Museum – das Älteste und Größte im Land. Hier sehen wir zum ersten Mal ein Elefantenskelett und lebensgroße Darstellungen indischer Volksstämme und ihres Alltags. Noch einmal wird uns klar, wie vielfältig geprägt der Subkontinent ist. Zum Sonnenuntergang machen wir einen Spaziergang um das Queen-Victoria-Denkmal im Maidan-Park und schlemmen zum Abschied den leckeren, regional typischen, süßen Joghurt aus Tontöpfen.
Nach fünf spannenden Tagen können wir es trotzdem nicht erwarten, weiter gen Darjeeling zu fahren. Die Weiterreise ist eine Flucht. Trotz Ohrenstöpsel in der Nacht wird uns der Non-Stop-Lärm zu viel. Die dreckige, stickige Luft verschleimt unsere Atemwege. Verrußte Nasenlöcher, Halskratzen und Husten. Dazu Juckreiz auf der Haut, den irgendwelche Viecher in den antiken Matratzen verursacht. Wir sind großstadtkrank und verschreiben uns die Fahrt aufs Land.

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2 Gedanken zu “Bangalore – Kalkutta: 37 Stunden im Howrah-Express

  1. Na, jetzt wo ich Mohls Kapitel über die Bahnreisen gelesen habe, ist es doch offenkundig, dass sich die Verhältnisse für europäische Bahnreisende in den letzten 45 Jahren doch deutlich geändert haben müssen. Er ist jedenfalls nicht AUSGESCHLAFEN irgendwo angekommen. Was Lärm, Gerüche, Tieropfer und ähnliche Begleiterscheinungen angeht, ist allerdings offenkundig noch ganz viel beim Alten.
    Ich hoffe, ihr könnt zwischendurch immer wieder genügend Kraft schöpfen. Ihr werdet sie auf den nächsten Reiseabschnitten vermutlich brauchen.
    Wir drücken euch weiter alle Daumen!
    Alles Gute aus dem ganz vorsichtig frühlingsahnenden Hamburg
    Martin

  2. Ah ja, jetzt ist es offenkundig wieder an der Zeit in vernünftige Schutzkleidung zu schlüpfen!
    Hoffentlich sind eure Hautprobleme nicht so hartnäckig, wie die mit der Verdauung.
    Ich lese gerade „Gandhis gefährliches Erbe“ von Max Mohl aus dem Jahre 1966 (!) und bin erstaunt, wie viele seiner prophezeiten Probleme sich in euren Beschreibungen wiederfinden. Und ihr fragt noch, in welchem Jahrhundert ihr gelandet seid.
    Gönnt euch die eine oder andere gute Tasse Tee. Gelassen läuft’s! 😉
    Beste Grüße
    Martin

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