Abgefahren: Auf Landstraßen in den Balkan

Gute Reise!

Winkende Grüße zum Abschied © emmenreiter.de

Abschiedsmomente

Berlin. 16. April 2016. Morgens um halb sieben. Micha! Mir ist schlecht. Ich beuge mich vorsichtig auf und gucke vom Bett aus minutenlang schweigend durch unser Schlafzimmer. Es wird für längere Zeit unser letzter Morgen in Berlin sein. Die Sonne scheint auf den alten Kleiderschrank. Den habe ich wie die anderen Schränke unserer Wohnung in den letzten Tagen für unsere Untermieterin leergeräumt und die Rumpelkammer bis unter die Decke mit unserem Zeug zugestellt. Alles, was wir für die nächste Zeit brauchen werden, wartet seit gestern Abend in der Garage in vier Alukisten und zwei wasserdichten Gepäckrollen verstaut auf ein neues Abenteuer. Im Gegensatz zu unserer ersten Emmenreiter-Abreise vor acht Jahren hatten wir in den vergangenen drei, vier Wochen eine relativ entspannte finale Vorbereitungsphase. Nur noch ein paar Impfungen, letzte Feinheiten an den Motorrädern und einige Visa besorgen. Sogar ans Tanken haben wir dieses Mal gedacht.
Seit einer Woche wachen wir jeden Tag mit Herzpochen auf. Und heute morgen hat der Adrenalinspiegel seine Spitze erreicht. In etwa drei Stunden sind wir mit Familie und Freunden im Café Intimes um die Ecke zum Abschiedsfrühstück verabredet. Ich kann gerade überhaupt nicht an Essen denken. Wie fremdgesteuert räumen wir letzte Dinge in der Wohnung auf und holen die Motorräder aus der Garage. Die Familie wartet bereits auf uns. Unter dem Credo „Bevor ihr weg seid!“ hatten Besuche und Verabredungen in der Zeit vor der Abreise eine besondere Atmosphäre. Momente, die heute ihren Höhepunkt haben. Auf einmal sind alle um uns herum im ganzen Café versammelt. Meine schweren, dicken Motorradhosen und Stiefel fühlen sich hier noch komisch an. Micha und ich können gefühlsmäßig nicht ganz begreifen, was gerade passiert. Auf jeden Fall sind wir sehr glücklich und die Zeit, bis wir tatsächlich auf beide Emmen steigen und losfahren, rast an uns vorbei. Der Abschiedsjubel übertönt das Rängtängtäng unserer Motorräder und unter der Jacke spüre ich die Gänsehaut.

Wir haben noch nicht mal den Stadtrand von Berlin erreicht, da überkommt mich eine krasse Müdigkeit. Mit dem Anrollen der MZ hat die scheinbar große Anspannung plötzlich nachgelassen und mein Körper möchte nur noch ins Bett. Das Verlangen ist so stark, dass ich Zweifel habe, ob wir es heute noch nach Borna schaffen. Mit der Sonne, die bald den leichten Regen ablöst, kommt etwas Energie zurück. Micha geht es besser als mir. Er kann das Motorradfahren komplett genießen und freut sich auf das Grillfleisch am Ziel des allerersten Reisetages.

Freiheit unter freiem Himmel

Zwei Tage später lassen wir Deutschland bei Klingenthal langsam im Rückspiegel verschwinden. Jetzt sind da nur noch wir beide und die Motorräder. Und Freude auf das, was uns erwartet. In Tschechien bei Marienbad finden wir einen kleinen Campingplatz am Waldrand. Der wird gerade erst noch aus dem Winterschlaf geholt und wir dürfen umsonst unser kleines Zelt aufschlagen. Endlich. Obwohl es recht kühl ist, genießen wir die erste Nacht unter freiem Himmel und das Gefühl der Reisefreiheit breitet sich in uns aus. Dieses Mal glauben wir nicht, blindlings in ein Abenteuer zu stürzen. Trotzdem sind wir gespannt darauf, was wir auf der langen Reise erleben werden. Die Rollenverteilung muss nicht erst geklärt werden: Micha sorgt wieder dafür, dass die Motorräder fit bleiben, führt Statistik und verwaltet das Budget. Ich plane die nächste Etappe und steuere die Kommunikation mit der Heimat. Da ich immer noch die schlechtere Nachfahrerin bin und die Route eher im Blick habe, rolle ich vorne weg. Auf wenig bis kaum befahrenen und recht schönen Landstraßen geht es zunächst immer südwärts – über Österreich nach Slowenien und Kroatien. Noch in den Alpen geht mir beim Fahren der Motor aus. Micha sieht schnell warum:  Der Vergaser ist locker. In wenigen Minuten ist alles festgeschraubt und aufatmend geht es weiter. Fünf Minuten später macht mein Motor erneut eine ungefragte Pause. Jetzt werden wir nervös, aber dieses Mal ist es nur die Benzinreserve – die Emme ist in bester Laune.
Der Frühling gen Süden erwacht nur zaghaft, die meisten Zeltplätze sind eigentlich noch gar nicht geöffnet und selbst die Urlaubsorte an der Küste Kroatiens wirken noch verschlafen. An den verschlossenen Läden und Restaurants der Strandpromenaden klebt von innen vergilbte Zeitung an den Fensterscheiben. Tische und Stühle stapeln sich in verstaubten Ecken. Seit ein paar Tagen haben dazu noch dicke Wolkenfelder die mediterrane Luft stark abgekühlt und ab und zu regnet es. Bei Air-BnB finden wir derzeit für 15 bis 20 Euro die Nacht spontan sehr hübsche Zimmer mit Terrasse oder Balkon zum Meer. Dieser Deal ist gebongt.

Blaue Küste, schwarze Berge

Kann ein heftiger Windstoß ein fahrendes Motorrad umstürzen? Micha verneint meine Frage spontan, aber irgendwie meine ich zu erkennen, dass er selbst kurz zweifelt. Als wir morgens am 25. April die lange Seebrücke von der Insel Krk aus entlang fahren erschreckt mich nämlich plötzlich heftiger Wind, der mich schräg von der Seite ausbremst und ruppig an mir und meinem Lenker zerrt. Wo kommt das denn her? Bei einem kurzen Blick aufs Wasser sehe ich jetzt auch die Wellen, die der Wind aufpeitscht. Ich bin heilfroh, als ich am Ende der Brücke ankomme, aber da wird es nicht besser. Sturmböen pfeifen unberechenbar von den Steilwänden der Berge hinab auf die kurvige Küstenstraße, geben mir kräftig Anschub, um mich hinter der nächsten Ecke voll in die Seite zu hauen oder frontal auszubremsen. „So eine Scheiße!“ keife ich unterm Helm. „Das ist doch Selbstmord!“ Zweimal gelingt es mir nicht, die Emme auf meiner Spur zu halten. Ich halte kurz an, um durchzuatmen. „Klar, ist schon heftig, aber wollen wir hier stehen bleiben?“ ruft Micha von hinten, der mir gerade nur schwer Sicherheit vermitteln kann. Ich versuche, cool zu bleiben und wir fahren vorsichtig weiter bis Sunj, um von dort auf die kältere, aber weniger stürmische Bergroute auszuweichen. Bei Tee und einer riesigen Schüssel heißer Gulaschsuppe in Gospic wärmen wir mittags die steifen Hände auf. Ich hatte vorher noch nie etwas von den berüchtigten Fallwinden in Kroatien gehört und hoffe, dass der Rest der Küstenstrecke ruhiger verläuft.

Am späten Nachmittag sind wir wieder zurück an der milderen Adriaküste. Die Sonne scheint, das Meer schimmert türkisblau und der Stress von heute Morgen ist verweht. Wir haben im kleinen Ort Pakostane ein sehr liebe- und stilvoll hergerichtetes Zimmer in einem alten Haus bezogen und werden von Familie Maksan sehr herzlich mit selbst gebackener Torte und einem Gläschen hausgebranntem Slibowitz empfangen. Außer Spazierengehen, Lesen, Essen einkaufen und zubereiten oder Sachenpacken für die Weiterfahrt haben wir nicht viel zu tun tagsüber. Obwohl wir nicht mal zwei Wochen unterwegs sind, kommt es uns so vor, als läge der Abreisetag schon eine kleine Ewigkeit zurück. Da das Wetter sehr wechselhaft bleibt, ziehen wir anstatt ins Hinterland lieber in den nächsten Küstenort weiter, nach Gradac. Von dort geht es nach Bosnien-Herzegowina, das fast vollständig ein Gebirgsland ist. Hier kommen die MZ-Motorräder zum ersten Mal auf die Schotterpiste und müssen stockdustere, nasse Tunnel durchfahren. Der Plan ist, über die Berge weiter nach Montenegro, durch das noch weitgehend unentdeckte Kosovo und dann Albanien zu reisen. Aber das Wetter vermiest uns diese schöne Route durchs Bergland. Im Dulmitor-Gebirge im Nordwesten Montenegros versperrt uns eine Schneewehe die Überfahrt des Passes. Es ist feucht, schweinekalt und wir kehren durchnässt von Regen spontan an die Küste zurück, und zwar an die Bucht von Kotor.

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8 Gedanken zu “Abgefahren: Auf Landstraßen in den Balkan

  1. Es ist unglaublich was ihr macht. Ihr habt mich auch in`s MZ-Fieber getrieben sodass ich mir auch eine ETZ 251 zulegen musste!! Ich wünsche euch viel Erfolg auf eurer Reise. Ich werde regelmäßig eure Tour verfolgen. Viel Glück

  2. Hi! 8 Jahre ist das schon wieder her, als wir uns in Usbekistan trafen? Krass. Ich habe Eure Route nicht im Kopf, aber wenn Ihr nach Nordindien fahrt, lohnt sich ein Stop in Jaisalmer, ist wunderschön da! 2010 waren wir in Laos und Kambodscha , wunderschön! Vor allem Luang Prabang und Siem Reap! Inzwischen kennen wir auch jemanden mit ner MZ, wenn Ihr also mal Ersatzteile braucht…
    Gute Fahrt, gute Reise und viiiieeellll Spaß! Theresa und Andreas (und die Rasselbande)

  3. Hallo Ihr beiden. Hab von Schrippe gehört das ihr wieder los seid.
    Wir wünschen euch viel Spaß und Erfolg und freuen uns auf jedes neue Foto inkl. Bericht von euch.

    Viele Grüße Aus Pritzwalk

  4. Ihr Lieben,

    nachdem ich bereits Eure erste Reise mitbegleiten durfte, bin ich hocherfreut diese Nachricht von Eurer erneuten Tour zu erhalten. Ich werde solange es geht Euch begleiten und mit jedem zurück gelegten km mit Freude teil haben.
    Leider musste ich im vorigen Jahr mein komplettes Motorrad-Hobby an den Nagel hängen. Seit gut einem Jahr muss ich mit der Diagnose ALS leben, die leider unbarmherzig voran schreitet. Seit ein paar Tagen fahr ich mit einem E-Rollstuhl durch die Gegend!
    Haltet die Ohren steif, ich drücke Euch die Daumen und warte auf jeden Blog!

    Liebe Grüße
    Euer Günter

  5. Ich freu mich von euch zu lesen. Es überkommt mich regelrecht eine Hochstimmung und Aufregung wenn ich euch hier nach spionieren darf.
    Bin schon gespannt auf den nächsten Bericht.

  6. Ich fiebere mit euch. Was mich gefreut hat, ist dass ich in der Kartografie heute als Straßennamen „Die Emme“ schreiben durfte.
    Und immer schön die Ohren steifhalten!
    Martin

  7. Ihr Lieben,es freut uns von euch zu lesen, zumal wir im letzten September selber nach Kroatien gefahren sind -über Tschechien, Österreich, Serbien,bis Dubrobnik,auf der Insel Koracula wareb wir 2 Wochen; zurück über Mostar,Sarjewo,Ljubelana, Oberöstereich .Lasst es euch gut gehen. Bis hoffentlich bald.
    Liebe Grüsse
    Angy aus dem Urlaub

  8. Hallo ihr 2, toller Bericht.
    Wünschen euch weiter eine gute Fahrt.
    Tante Eva und Heiko drücken euch

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