Klimawechsel: Abschied vom Iran

Iran_Masuleh

Masuleh im Nord-Iran, 2009 © emmenreiter.de

Urlaub in Masuleh

In dem Bergdorf Masuleh, etwa sechzig Kilometer von der kaspischen Meeresküstenstadt Rasht entfernt, dringen wir weiter in das feuchtkühle Klima des iranischen Nordens vor. Im abgelegenen Masuleh kommen vierhundert kleine Shops auf sechshundert nette Einwohner. Warum? Der Ort hat sich in den letzten Jahren zum Tagesausflugsziel iranischer Touristen verwandelt. Und heute lebt fast jeder Dorfbewohner von dem, was ihre winzigen Keksbäckereien, traditionellen Teestuben und Souvenirläden in den Sommermonaten abwerfen. Selbst die älteste Oma im Dorf sitzt in ihrem erdfarbenen Häuschen auf dem Fußboden und strickt stundenlang typisch gemusterte Socken, Mützen und Puppen, die sie an vorbeischlendernde Besucher verkauft.
Wir mieten für zwei Übernachtungen ein altes Appartement. Kosten: zehn Euro am Tag. Es liegt in der Nähe eines Wasserfalls. Ein gewaltiges Rauschen und eine entspannte Stimmung. Jeden Nachmittag bilden sich über dem Dorf dicke Wolken, die immer tiefer gleiten, bis sie die flachen Hausdächer berühren. Es ist kühl und deswegen kommen nur wenige Touristen. Unsere handgespülte Wäsche über Antennenkabel auf dem Balkon trocknet schlecht. Wir machen es uns mit selbst gekochtem Tee aus Meymand auf dem Bett bequem. Oder erkunden Masuleh über die schmalen, felssteingepflasterten Wege und Treppen, die am Hang entlang die verschiedenen Häuserebenen verbinden. Wie immer haben die Menschen in den Bergen einen ganz eigenen Charakter und Charme, so dass wir uns gar nicht mehr wie im Iran fühlen. Mein Kopftuch muss trotzdem angezogen bleiben.

„Was ist eigentlich Holocaust?“

Am 10. Juni um neun Uhr morgens verlassen wir Masuleh. Zwei Stunden später auf der Landstraße gen Astara hupen und winken uns ein Ehepaar und ihr siebzehnjähriger Sohn aus Rasht beim Überholen mit dem Auto an den Straßenrand. „Woher kommt Ihr? Braucht Ihr Hilfe?” Nein, aber danke der freundlichen Nachfrage. Eine halbe Stunde später treffen wir sie an der Tankstelle wieder und dürfen natürlich das Benzin nicht selbst bezahlen. Sohn Mahdi – ein sehr guter Schüler, wie seine Mutter stolz erzählt – spricht fließendes Englisch: „Ihr seid unsere Gäste! Wo wollen wir zusammen Mittagessen?” Wir fahren den netten Leuten, die ein Plakat von Musawi von innen an die Heckscheibe geklebt haben, siebzig Kilometer bis Astara hinterher. Dort gehen wir alle in ein Restaurant und später noch zum Tee ins geräumige Wochenend-Appartement der Familie. Mahdis Vater arbeitet bei einer Investmentfirma in Rasht, seine Mutter ist Lehrerin in der Highschool. Beide kommen manchmal zum Entspannen hierher.
Wie so oft kommt das Thema Deutschland und Hitler auf. „Was genau ist eigentlich Holocaust?”, wollen die drei wissen. Die iranische Regierung würde diesen Teil der Geschichte leugnen. Als Micha ihnen ein paar Dinge erklärt, sind sie unglaublich überrascht, dass in Deutschland und Polen die viel besagten Konzentrationslager tatsächlich immer noch als Mahnmale existieren und sie jeder besichtigen kann. Natürlich sollen wir noch über Nacht bei der Familie bleiben, aber wir haben keine Zeit und müssen weiter. Der höfliche Vater, die liebe Mutter und ihr gut erzogener Sohn führen uns im Auto noch bis auf die richtige Straße an den Stadtrand von Astara und verabschieden uns wie Freunde nach Ardabil.
In Ardabil tobt am Abend der Bär. Es scheint, als ist die ganze Jugend der Stadt auf der Straße, um ihrer Hoffnung auf neue Freiheit Luft zu machen. Mit grünen Tüchern aus hupenden Autos feuern sie die Leute an, Musawi als neuen Präsidenten zu wählen und Abschied von Ahmadinedschad zu nehmen. An den Straßenkreuzungen staut sich der Wahlkampfverkehr. Die Stimmung und Rufe erinnern uns stark an das Ende eines Spiels bei der Fußballweltmeisterschaft.
Von Ardabil geht es nach einer Nacht in einem neuen Hotel durch eine tolle Berglandschaft weiter nach Tabriz. Vorher wechselt Micha auf dem Hotelparkplatz mal wieder zwei gebrochene Speichennippel, diesmal im Vorderrad. Vermutlich hat die Telegabel beim Unfall in Quetta doch mehr abbekommen, als gedacht. Auf dem Weg nach Tabriz müssen wir anhalten, um uns die Regensachen überzuziehen. Der Norden Irans hat derzeit einige heftige Regenschauer. Seit Usbekistan lagen die regendichten Klamotten ganz weit unten im Alukoffer. Wir kommen am späten Nachmittag in der Stadt an und haben außer einem Abendessen keine Lust mehr auf irgendwas. Die Fahrerei der letzen Tage ist ganz schön Kräfte zehrend. Um sieben Uhr in der Früh steuern wir auf etwa zweihundert Kilometern die Nordgrenze zur Türkei an. Khoda Hafez, Iran!

Der Iran und die Iraner: „Hello-where-are-you-from“

In ihrem Buch „Der Iran – Die verschleierte Hochkultur” beschreibt Andrea Claudia Hoffmann das heutige Leben und die Menschen im Iran. Wir haben viele Dinge wieder erkannt. Zum Beispiel, dass die Iraner sehr stolz auf ihre “arische” Herkunft sind und viele die Deutschen als Arier verehren. Und dass die jungen Iranerinnen sehr wissbegierig sind. Die Mehrheit der Studierenden im Land ist weiblich, so dass die Universitäten sogar Männerquoten einführen mussten. Natürlich haben wir bei unserer Reise durch das ehemalige Persien noch tausend andere Dinge erfahren. Eines stand dabei ziemlich schnell fest: Dass das Bild, was die westlichen Medien vom Iran wiedergeben, tatsächlich nur einem winzigen Ausschnitt aus der Realität entspricht. Menschen, Kultur und Landschaften bleiben völlig ausgeblendet. Wer weiß denn schon, dass man im Iran wunderbar Skilaufen kann und Warenangebot und Infrastruktur dem im Westen in nichts nachstehen. Die Medien fokussieren lieber den Wunsch der Regierung nach einer eigenen Atombombe. Der Westen und das zum Teil zensierte Internet haben sichtbare Einflüsse auf die persönlichen Einstellungen der Iraner. Gerade im aktuellen Präsidentschaftswahlkampf zeigt sich uns der Wunsch der vielen jungen Leute nach Freiheit und Veränderung. Ahmadinedschad ist bei vielen, die wir getroffen haben, wenig beliebt.
Zur Realität gehört auch, dass die meisten Iraner, denen wir begegnet sind, sehr gastfreundliche Menschen sind, die besonders Ausländern als exotische Gäste mit großer Neugier und Herzlichkeit gegenübertreten. Vor allem im Norden des Landes sind wir immer wieder eingeladen und wie gute Freunde behandelt worden. Und dann durften wir auch ohne das persische Höflichkeitsspiel Ta’arof, demnach Einladungen nur ernst gemeint sind, wenn sie nach dreimaligem Ablehnen immer noch ausgesprochen werden, den spontanen Angeboten zum Tee oder Essen folgen. Im ganzen Land riefen uns fremde Menschen ein auswendig gelerntes „Hello-where-are-you-from” hinterher, um uns zu zeigen, dass wir willkommen sind. Manche Reisende mögen auf Dauer davon genervt sein, trotzdem sollte man auch dem zehnten Willkommenheißer am Tag ein dankendes Lächeln zurückgeben oder ein bisschen „hand-und-fuß-smalltalken”. Leider nur wenige Iraner können sich in englischer Sprache mit uns unterhalten. Die Mädchen jedoch stehen öfter kichernd vor uns, um ihr Schul- und Uni-Englisch auszuprobieren. Nebenbei machen sie Micha Komplimente.
Wenn Autorin Andrea Claudia Hoffmann weiterhin schreibt, sie hätte die unterschiedlichsten Menschen im Iran getroffen, aber nie einen Schurken, dann stimmt das nicht ganz mit unseren Erfahrungen überein. Man trifft sie eben in jedem Land: kleine Abzocker. Respektloses Verhalten mir als Frau gegenüber haben wir im Iran allerdings nie erlebt. Es ist aber auch kein Geheimnis, dass selbst im modernen Iran die Frau per Gesetz und durch moralische Vorstellungen weiter “kleingehalten” wird. Aber es gibt Hoffnung, denn immer mehr Iranerinnen entwickeln und entfalten ein neues Selbstbewusstsein. Inschallah!

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